Guest Lecture of Prof. Dr. Thomas Elbert

Guest Lecture of Prof. Dr. Thomas Elbert

from the University of Konstanz


Date:
09.06.2010, 6:15 p.m.


Venue: Building A2 4, Seminar Room IIa (Room 2.16)


Topic: Maladaptive Minds: Wie traumatische Erfahrungen Geist und Gehirn verändern


Abstract
Das Gehirn ändert stetig seine funktionelle Organisation und Architektur in Abhängigkeit verhaltensrelevanter Erfahrung und Verarbeitung.  Traumatische Stressoren, die eine Alarmreaktion hervorrufen sind ein besonders mächtiger Modulator von Geist und Gehirn.  Während isolierte traumatische Erlebnisse zu besserer Anpassung an bedrohliche Situationen führen können, resultiert massive wiederholte Exposition zu maladaptiven Veränderungen mit seelischen Erkrankungen wie PTSD und Depression.


Manche der Strukturveränderungen, wie etwa eine Reduktion hippokampalen Volumens sind auf bestimmte Entwicklungsphasen beschränkt und führen in der Folge zu späterer Vulnerabilität für trauma-bedingte und affektive Störungen,.  Andere makroskopisch erfassbare Volumenänderungen, wie die von uns in parietalen und präfrontalen kortikalen Regionen beobachteten Modifikationen entstehen dagegen eher im Sinne eines Teufelskreises, bei dem – angetrieben von wiederholtem traumatischem Stresserleben – nutzungsbedingte Veränderungen in der Hirnstruktur ihrerseits Verarbeitungsbahnen modifizieren und somit wiederum Hirnregionen verändern.


Menschen versuchen natürlicherweise, ihre kaum erträglichen Erfahrungen zu verarbeiten, indem sie erzählen. Wiederholte lebensbedrohliche Stressoren jedoch verhindern das Berichten: sie bilden ein Furchtnetzwerk, welches alle hoch erregend emotional-sensorischen Elemente des Horrors zusammenbindet unter gleichzeitigem Verlust kontextueller Information: das „Wann und Wo“ geht verloren, der Schrecken zieht in die Gegenwart ein.


Die narrative Expositionstherapie (NET) will deswegen in deklaratives, autobiographisches Gedächtnis überführen, was nur implizit, grauenvoll andrängt. Im Moment des Erkennens, Aushaltens, der Bennennung und der bewussten Zuordnung in Raum und Zeit kann schließlich Integration von heißem Gedächtnis und kühlen Fakten geschehen. NET nutzt sowohl das natürliche Bedürfnis der Menschen zu erzählen, als auch den Umstand, dass jede Erinnerung durch die assoziativen Verknüpfungen, in jedem Moment alles hervorzubringen vermag. Die Patienten werden dabei ermutigt, ihre Lebensgeschichte und vor allem aber ihre belastenden Ereignisse in ihrem chronologischen Ablauf detailliert zu beschreiben. Dabei werden sie in positive Momente (Ressourcen), traurige insbesondere aber traumatische Situationen ihres Lebens zurückversetzt und erleben die damit verbundenen kognitiven, emotionalen und sensorischen Erinnerungen.  Mithilfe der narrativen Expositionstherapie bildet sich so aus fragmentarischen, biographischen Erinnerungen eine kohärente Geschichte. Erleichterung tritt durch die Integration und Habituation vergangener Ängste ein. Aus dem sprachlosen Terror im ‚Hier und Jetzt’ entsteht eine in Worte gefasste, an einem anderen Ort erlebte, Vergangenheit (Vergeschichtlichung und Verortung). In der Folge führt NET zur seelischen Gesundung und zu messbaren Veränderungen in der Hirnfunktion.


Die Forschungen wurden von der DFG und dem European Refugee Fund unterstützt.