Forschungsprogramm
Europa er|fahren: Relationale Räume alltäglicher Europäisierung zwischen Distanz und Nähe
Themenschwerpunkt der 2. Promovierendengeneration im Nachwuchskolleg Europa
Ausgangspunkt: Europa als Erfahrung
Europa ist eine polymorphe Formation: eine gemeinsame Idee ebenso wie ein politischer Staatenverbund in Gestalt der Europäischen Union (EU). Gleichzeitig ist Europa ein konkreter Raum, in dem rund 750 Millionen Menschen zusammenleben, die in verschiedenen staatlichen Strukturen und diversen Gesellschaften beheimatet sind. „Europa“ ist alltäglich wirksam, wird als supranationales Gebilde von Bürger:innen jedoch häufig als abstraktes Konstrukt mit wenig Bezug zur eigenen Lebenswelt wahrgenommen. Vieles scheint sich aus Sicht des Einzelnen in kaum greifbarer Entfernung abzuspielen. Wo lässt sich Europa als gelebte Praxis erfahren? Wie und wo kann alltägliche Europäisierung fassbar werden?
Europa findet an dafür eingerichteten, bündelnden Orten und ebenso an transitorischen Nicht-Orten (non-lieux, Augé 2010) statt: Menschen erfahren Europa in zufälligen Begegnungen an Durchgangsstationen wie Tankstellen oder Bahnhöfen und an intentional eingerichteten Stätten wie Sitzungssälen, Theaterbühnen oder Ausstellungsräumen. Die verflochtene gemeinsame Geschichte ist an Orte wie Kriegsschauplätze gebunden, die man bereisen kann. Was kennzeichnet Situationen, an denen wir europäische Erfahrungen sammeln? Zum einen wird Europa institutionell inszeniert. Zum anderen wird Europa als relationaler Raum hergestellt, der Verbindungen zwischen entfernten Punkten schafft, sei es durch Mobilitäten oder Medien.
Als Idee von Gemeinschaft geht Europa – dessen namensgebendem Mythos bereits die Dimension der Ferne eingeschrieben ist – im Hinblick auf Identitäten und Wissensbestände generell mit einer zu überbrückenden Distanz einher. Relationale Räume haben zugleich eine historische Dimension im Sinne eines kulturellen europäischen Gedächtnisses, das mit Erinnerungsorten (lieux de mémoire, Nora 1984) verbunden ist, wobei sich auch dissonante Bezüge aus unterschiedlichen Zeiten überlagern. Als Speicher von Lebenswissen (Ette 2004) und Medium des Transfers von Erfahrungen hat Kunst einen entscheidenden Anteil daran.
Thematische und methodische Achsen: Er|Fahren als verortete Praxis
Das Forschungsprogramm des Nachwuchskollegs knüpft an diese Ambivalenz an und stellt angesichts der Tatsache, dass Europa immer wieder konkretisiert und ins Bewusstsein gerufen werden muss, die Frage, wo und wie das an alltagsweltlichen Orten geschieht. Dabei geht es einerseits um Erfahrbarkeit und andererseits darum, wie Europa zum Ausdruck gebracht wird. Ausgangspunkt ist der relationale Raum, in dem sich Beziehungen und Bezüge, Ideen und Auseinandersetzungen verdichten. Dies kann sich real abspielen oder literarisch verhandelt werden.
„Europa er|fahren“ kann thematisch in verschiedenen Bereichen verfolgt werden: (1) Bewegungen und Mobilitäten (wie Interrail, Bahnverbindungen, Allianzen zwischen Bildungseinrichtungen), (2) Räume der Inszenierung und Aushandlung von Gemeinschaft (wie Museen, Theater, Events, Literatur), (3) Praktiken des Doing Europe (wie in Plenarsitzungen des EU-Parlaments, bei Grenzkontrollen).
Drei Promotionsvorhaben aus verschiedenen Disziplinen (wünschenswert: Geographie, Anthropologie, empirische Kulturwissenschaft, Literatur- oder Theaterwissenschaft), arbeiten im Nachwuchskolleg des CEUS zusammen: im Sinne von Europa als transdisziplinärem Forschungsfeld. Gemeinsam ist ihnen der Fokus auf das Er|Fahren Europas als zu verortende Praxis und räumlicher Prozess. Methodisch sind die Promotionsvorhaben über einen gemeinsamen qualitativen Ansatz miteinander verbunden, der Prozesse und Praktiken über sprachliche, textbasierte und empirische Methoden erhebt und interpretiert.
Literatur
Augé, Marc: Nicht-Orte. München: Ch. Beck 2010.
Ette, Ottmar: ÜberLebenswissen. Die Aufgabe der Philologie. Berlin: Kadmos 2004.
Nora, Pierre (Hg.): Les Lieux de mémoire (t. 1 La République). Paris: Gallimard 1984.