2023: Dissonantes Kulturerbe im Spiegel der Kunst

Thema: Dissonantes Kulturerbe im Spiegel der Kunst

Perspektiven der Lehre und Forschung

Kunstgeschichte und Kunstpraxis sind heute nicht mehr auf westliche (okzidentale) Länder einzugrenzen. Spätestens seit dem Aufkommen der postcolonial studies in den 1980er Jahren haben sich die Grenzen der Kunstzentren und -märkte erweitert bzw. aufgelöst. Gerade im Kontext einer globalisierten Kunst erscheint es jedoch wichtig, regionale (topographische) Bezüge herzustellen und künstlerische Positionen zu betrachten, die der lokalen Geschichte und Kultur Ausdruck verleihen und sie dadurch ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Von besonderem Interesse sind dabei jene Werke der bildenden Kunst, welche die weniger bekannten, auch ambivalenten und verdrängten Aspekte der (Kultur-)Geschichte in den Blick nehmen und sich mit deren Befragung öffentlich positionieren.

Die Geschichte des deutsch-französischen Grenzlands Saarland-Lothringen fügt sich zwar durch seine zentrale Lage in den Kriegen des 20. Jahrhunderts problemlos in die gesamteuropäische Geschichte ein, verfügt aber über regionale Besonderheiten, die in den Geschichtsbüchern nur am Rande thematisiert werden. Gerade diese Randständigkeit prägt indes die regionale Kultur und Identität nachhaltig.

Die Betrachtung künstlerischer Arbeiten, insbesondere im öffentlichen Raum, diesseits und jenseits der deutsch-französischen Grenze soll es erlauben, zum einen Parallelen und Unterschiede aufzuzeigen; zum anderen geht es darum, die spezifische Rolle der bildenden Kunst im Prozess der Vergangenheitsbewältigung auszuloten, wozu auch Beispiele aus anderen Ländern mit konfliktbehafteter und dissonanter Geschichte herangezogen werden. Es wird dabei der Frage nachgegangen, wie Kunstwerke sich in die Erinnerungskultur eingliedern lassen und wie diese dazu beitragen können, den Begriff des Denkmals (monument) zu erneuern.

Der Interdisziplinarität und Intermedialität kommt im Rahmen der Gastdozentur eine wichtige Rolle zu. Kunstwerke sollen nicht nur in ihrer Werkgeschichte, sondern auch in ihrem Wirken betrachtet werden. Das Heranziehen von Texten (in deutscher und französischer Sprache), welche es erlauben, die Entstehung der Werke ebenso wie ihre Einordnung in die Kunstgeschichte und ihre Rezeption zu beleuchten, unterstreicht die Notwendigkeit, künstlerische Arbeiten mit Sprache zu konfrontieren.

Eröffnungsvortrag der Gastdozentin Dr. Susanne Müller

Kunstpraxis und -rezeption im Grenzraum Saarland-Lothringen: Stationen einer bewegten (Kunst-)Geschichte

Dienstag, 25. April 2023, 18.30 Uhr, Villa Europa, Kohlweg 7, 66123 Saarbrücken

Seit dem Deutsch-französischen Krieg von 1870-71 ist dem Saarland und Lothringen eine bewegte Geschichte mit vielfachen Wechseln der politischen und kulturellen Verhältnisse, einschlieβlich der Nationalität und der Sprache, gemeinsam. Die regionale Geschichte beider Regionen erweist sich dabei in weiten Teilen als komplementär: gegensätzlich, aber auch spiegelgleich.

Der Vortrag geht der Frage nach, inwieweit dieses spannungsvolle Wechselverhältnis sich in der künstlerischen Praxis – im Kunstschaffen, aber auch im Ausstellungswesen – der letzten gut 150 Jahre niedergeschlagen hat. Ein Fokus liegt auf jenen Künstler:innen und Ausstellungen, die das deutsch-französische Verhältnis selbst, das heiβt den jeweils Anderen im Blick haben. Beleuchtet wird ferner die Rezeptions- und Wirkgeschichte einschlägiger Werke und Veranstaltungen diesseits und jenseits der Grenze. Ähnlich einem Ausstellungsgang macht der bebilderte Vortrag an Stationen halt, die es erlauben, die vielschichten Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich aus künstlerischer Perspektive zu betrachten.

Lehrveranstaltungen

Dissonantes Kulturerbe: Konflikte und Krisen im Spiegel der Kunst

Zeit: mittwochs, 12.04.23-19.07.23, 12:00-14:00 Uhr c. t., Geb. B3 1, R. 1.30

Ort: Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken

LSF-Nummer: 142131

Kurzbeschreibung:
Das Hauptseminar erörtert das Konzept des “dissonanten Kulturerbes” im Kontext von Kunstwerken, die ambivalente (und häufig verdrängte) Vergangenheitsaspekte behandeln und zu deren Sichtbarmachung und Bewältigung beitragen. Neben Interventionen zeitgenössischer Künstler*innen im öffentlichen Raum, speziell an Monumenten und Gedenkstätten und einschlägiger Werke der letzten ca. 150 Jahre, richtet sich ein weiterer Fokus des Seminars auf die Präsentation (die Inszenierung und Diskursivierung) von “schwierigem” Kulturerbe in Museen und Sammlungen. Es werden sowohl lokale (deutsche und französische) Werke wie auch Arbeiten aus nicht-europäischen Kontexten vorgestellt.

Exkursionen:
• Tagesexkursion zu „dissonanten“ Erinnerungsorten in der Grenzregion Saarbrücken/Forbach:
Für Mitte Mai ist eine eintägige „Feldforschung“ zur kulturellen Resemantisierung von Erinnerungsorten geplant. Bei diesem wird die Gastdozentin die Studierenden zu den Spicherer Höhen, der Gedenkstätte Neue Bremm und zum Deutsch-französischen Garten in Saarbrücken führen.
• Zweitägige Exkursion nach Metz und Umgebung: Anhand ausgewählter Beispiele im urbanen Kontext der Metropole Metz und des neu eröffneten Musée de la guerre de 1870 et de l’annexion in Gravelotte wird das Themenfeld „Dissonantes Kulturerbe“  vertieft. Studierende der Fachrichtung Sciences de l’art der Heimatuniversität der Dozentin, der Université de Lorraine, werden zu einer Diskussion mit den Exkursionsteilnehmer:innen eingeladen.

Unterrichtssprache: Deutsch

Bild und Text im intermedialen Austausch

Zeit: donnerstags, 13.04.23-20.07.23, 14.00-16.00 Uhr c. t., Geb. B3 1, R. 1.30

Ort: Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken

LSF-Nummer: 142133

Kurzbeschreibung:
Das Hauptseminar diskutiert Texte zur Kunst französischer und frankophoner Autor*innen der Moderne und Gegenwart. Neben literarischen Texten, die den intermedialen Charakter moderner Kunstströmungen unterstreichen (von Charles Baudelaire, Guillaume Apollinaire, André Breton u. a.) gilt ein Schwerpunkt der “poïétique” (nach Paul Valéry) und solchen (von Kunstschaffenden) verfassten Texten, die den Schaffensprozess selbst zum Inhalt haben. Hierbei richtet das Seminar ein besonderes Augenmerk auf Künster*innen, die zwischen den Sprachen agieren und sich über ihr Werk sowohl auf Deutsch wie auch auf Französisch geäußert haben. Es soll dabei der Frage nachgegangen werden, wie sich Prozesse der bildenden Kunst in Sprache “übersetzen” lassen bzw. welche sprachlichen Formen Künstler*innen (er)finden, um über ihr Werk zu sprechen/schreiben.

Unterrichtssprachen: Deutsch und Französisch

Bild und Text im intermedialen Austausch. Ein Atelier.

Zeit: dienstags, 11.04.23-18.07.23, 12:00-14:00 Uhr c. t., Geb. B3 1, R. 1.15

Ort: Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken

LSF-Nummer: 142141

Kurzbeschreibung:
Der Begriff “Atelier” im Titel unterstreicht den Übungscharakter einer interdisziplinären Veranstaltung, in deren Rahmen Studierende verschiedener Studiengänge sprachliche und praktische Herangehensweisen an Kunst einüben können. Neben dem mündlichen Training von kunst- und kulturwissenschaftlichen Fachbegriffen und dem Verfassen von kurzen Bild- oder Objektbeschreibungen (u. a. vor Kunstobjekten auf dem Campus der Universität) in einfacher französischer Sprache, werden punktuell kunstpraktische Erfahrungen (Zeichnung, Collage, Fotographie, etc.) angeboten, um im Austausch hierüber das fachspezifische französische Vokabular weiter zu bereichern.

Unterrichtssprachen: Deutsch und Französisch

Gastdozentin: Dr. Susanne Müller

  • seit 2017: Leitung des Master 2 MEEF (Lehramt Sekundarstufe), Fachbereich Kunst
  • seit 2016: Maîtresse de conférences en Arts et Sciences de l’art, Institut Supérieur du Professorat et de l'Éducation (Institut für Lehramt), Département Arts (Institut für Kunst) 
  • 2014 -2016: Attachée temporaire d’enseignement et de recherche (ATER), Département Arts (Institut für Kunst)
  • seit 2014: Mitglied des Forschungslabors Centre de Recherche sur les Médiations (CREM, EA 3476), Team Praxitèle („Arts, cultures et médiations“)
  • 2013: Dissertation im Fach Kunst und Kunstwissenschaften, Spezialgebiet Bildende Kunst, mit dem Titel „L'Unheimlich à l'œuvre: approches théoriques/ pratiques de l'«inquiétanteétrangeté» dans l'art contemporain“ Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne
  • 2006: Master 2 im Fach Bildende Kunst, Ausrichtung „Forschung“, mit dem Titel „Étrangeté et familiarité en photographie: das Unheimliche, approches d'un phénomène paradoxal“ Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne 
  • 2005: Diplomprüfung im Fach Psychologie, Schwerpunktfächer: Kunstpsychologie, klinische Psychologie. Diplomarbeit: The Cremaster Cycle (1994-2002) von Matthew   Barney: psychologische Untersuchung zum Erleben des Gesamtkunstwerks Universität zu Köln
  • 2003-2004: Studium der Kunstgeschichte (Wahlpflichtfach im Diplomstudiengang) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
  • 2001-2002: Studienbegleitende Ausbildung zur Psychotherapeutin, Universität Köln 
 
Forschungsprojekte
  • seit 2020: „Ruines: Les usages politiques et sociaux des ruines de guerre entre résilience, commémoration et patrimoine“
  • 2016-2018: „Paysage(s) de l'étrange. Sur les traces visibles et invisibles d'un patrimoine régional en transformation: (re)constructions artistiques et théoriques d'une histoire transfrontalière marquée par les grands conflits (PATRIMART (mit Aurélie Michel) 
  • Organisation zweier Studientage (2017, in Kooperation mit dem Musée de la Cour d’or) und einer internationalen Tagung (2018, in Kooperation mit dem FRAC Lorraine), jeweils mit Herausgabe eines Tagungsbandes
  • Kuratierung und künstlerische Beteiligung an drei projektbezogenen Ausstellungen: „Paysage(s) de l’étrange: non-lieux de la mémoire“ (2016, Porte des Allemands, Metz); „Traces, vestiges, reliques: le patrimoine culturel d’une ville au prisme de son passé franco-allemand“, in Kooperation mit dem Festival Metz est wunderbar (2017, Basilique Saint-Vincent, Metz); „Chroniques de l’invisible: archiver le présent, présenter les archives“ (2017, Archives municipales, Cloître des Récollets, Metz)