2021: Theaterarbeit transnational

Thema

Perspektiven der Lehre und Forschung

Das heutige Theater ist durch Transnationalität gekennzeichnet: Im Rahmen multipolarer Kulturbeziehungen gehen Theaterproduktionen, die nicht selten als Koproduktionen entstanden sind, auf Tournee, und Theatergruppen, deren Mitglieder oft aus verschiedenen Ländern stammen, nehmen an internationalen Festivals teil. Migration und Interkulturalität sind sowohl auf Theaterbühnen als auch in theaterwissenschaftlichen und in theaterpolitischen Debatten zum Thema geworden. Das Theater, das – vor allem im 18. und im 19. Jahrhundert – in Ländern wie Deutschland und Frankreich mit der Vorstellung der Nation assoziiert wurde, weist über den nationalen Rahmen hinaus, der im Zuge der zunehmenden Globalisierung als "eine Möglichkeit der Raumordnung unter anderen zu betrachten" (Margrit Pernau 2011) wäre.

Dieser Wandel schlägt sich in der Praxis, in der Ästhetik und im (Selbst-)Verständnis des Theaters nieder. Die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Haß stellt in dieser Hinsicht Verbindungslinien zwischen heutigen Globalisierungsprozessen und jüngsten Theaterentwicklungen her: Wenn die Welt "zu einem Raum" wird und wenn "die alteuropäische Weltgewissheit, in einer Welt wie in einem Behälter zu wohnen, [zusammen]bricht", entstehen neue Raumbezüge, u. a. immersive Theaterformen als "Welt ohne Außen" (Ulrike Haß 2018). Es kann die Hypothese aufgestellt werden, dass mit der Globalisierung eine Entgrenzung des Theaters und des Theaterbegriffs einhergeht: Es werden z.B. Gattungsgrenzen sowie Grenzen zwischen Theater und anderen Künsten überschritten. Das sich im globalen Rahmen De- und Reterritorialisierungsprozessen unterziehende Theater ist anders – nicht mehr in festen, abgeschlossenen "Container"-Kategorien – zu denken: In der Theaterwissenschaft fungiert jetzt nicht nur die Aufführung als Hauptforschungsgegenstand, sondern es werden auch die Proben und die theatralischen Institutionen untersucht (Annemarie Matzke 2012), wobei das Theater als interaktive Arbeit und als dynamischer Prozess betrachtet wird.

Im Rahmen der Gastdozentur "Theaterarbeit transnational" wird das zeitgenössische deutsch- und französischsprachige Theater fokussiert, da es schon eine lange und reichhaltige Tradition deutsch-französischen Theatertransfers gibt (Michel Grimberg 1995). Berücksichtigt werden sowohl deutsch-französische Theaterverflechtungen als auch Auswirkungen transnationaler Dimensionen auf die jeweilige Theaterlandschaft in der zweiten Hälfte des 20. und am Anfang des 21. Jahrhunderts. Im Kontrapunkt zu Theorien des Globalen, die sich meistens für die Ökonomie oder für die Kultur im Allgemeinen interessieren, wird der Akzent auf konkrete Beispiele transnationaler Theaterkonstellationen und auf ästhetische Aspekte gelegt: Es soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern das Theater als Schlüsselort des Transnationalen betrachtet werden kann, wo neue Wahrnehmungs- und Raum-Regime dar- und hergestellt werden.

Eröffnungsvorlesung

Theatergeschichte in transnationaler Perspektive

Dienstag, 20.04.21, 18.15 Uhr, online über Microsoft Teams

Eine transnationale Perspektive legt den Akzent auf Zirkulationen, Grenzüberschreitungen und Transferprozesse. Dieser methodische Perspektivwechsel ist besonders aufschlussreich im Hinblick auf die Verflechtungen zwischen dem deutschsprachigen und dem französischsprachigen Theater: Man denke an die Art und Weise, wie Johann Christoph Gottsched sich im 18. Jahrhundert auf das französische Modell stützte, um ein deutsches "Nationaltheater" zu etablieren. Mit der transnationalen Perspektivierung entsteht eine andere Theatergeschichte, welche die Infragestellung von Narrativen bisheriger national orientierter Theatergeschichtsschreibungen und eine Dezentrierung – auch eine Dezentrierung des Eurozentrismus – ermöglicht. Im Vortrag wird auf konkrete Beispiele eingegangen wie die Uraufführung (und die Aufführungen) von Aimé Césaires Stück La Tragédie du Roi Christophe im Jahre 1964 in Salzburg (und anschließend in Wien sowie in Berlin) oder die in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre beginnende Rezeption des Werks Heiner Müllers in Frankreich. Untersucht werden nicht nur die Verstrickungen zwischen nationalen und transnationalen Prozessen, sondern auch der besondere Blick auf die Theaterkunst, der daraus entsteht: In den Vordergrund rückt nämlich eine Auffassung des Theaters als dynamisches und entgrenztes Netzwerk, d. h. als transnationale und transdisziplinäre Konstellation von Personen, Praktiken und Materialitäten.

Lehrveranstaltungen

Ecritures dramatiques en contexte de migration

(Theatertexte im Kontext von Migration)

Zeit: donnerstags, 15.04.-08.07.21, 10.15 bis 11.45 Uhr

Ort: Online-Veranstaltung über MS Teams, inkl. zweier Präsenztermine (Änderungen vorbehalten)

LSF-Nummer: 129624

Im Hinblick auf die Frage von Migration und Transkulturalität ist manchmal – im Vergleich zum Roman – von einem Nachholbedarf des Theaters die Rede gewesen. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich aber das Theater verstärkt mit solchen Fragestellungen auseinandergesetzt. Ziel des Seminars ist es, ausgewählte Theatertexte zu untersuchen, die sich seit dem Anfang des 21. Jahrhunderts mit der Migration befassen: Inwiefern lässt das Theater "Migranten" sichtbar und hörbar werden? Welche Rolle spielen hierbei Körperlichkeit und Performativität? Im Gegensatz zu einer oft allzu einseitigen Konzentration auf autobiographische oder dokumentarische Aspekte soll im Seminar versucht werden, die ästhetische Dimension der Werke stärker zur Geltung zu bringen. Es werden außerdem sowohl deutschsprachige als auch französischsprachige Theatertexte analysiert, um spezifische, lokale Kontexte zu berücksichtigen und zugleich eine transnationale Perspektivierung zu ermöglichen.

Behandelte Werke:

- Nuran David Calis: Café Europa (2006), Emine Sevgi Özdamar: Perikizi (2010), Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen (2013).

- Marie N’Diaye: Papa doit manger (2003), Sonia Chiambretto: Chto (2006), Aiat Fayez: Les corps étrangers (2011).

Unterrichtssprache: Französisch

Postdramatisches Theater und Globalisierung

Zeit: donnerstags, 15.04.-15.07.21, 14.15 bis 15.45 Uhr

Ort: Online-Veranstaltung über MS Teams, inkl. zweier Präsenztermine (Änderungen vorbehalten)

LSF-Nummer: 129625

Über das Phänomen der Globalisierung ist seit den 1980er Jahren viel debattiert worden, was sich auch im zeitgenössischen Theater niederschlägt. Im Blickpunkt des Seminars stehen veränderte Raum-Zeit-Strukturen (im Zeichen der Vernetzung, der Rahmen-Sprengung, der Beschleunigung sowie der Simultaneität …), die mit Globalisierungsprozessen assoziiert werden und sich in neuen, als postdramatisch geltenden Theaterformen widerspiegeln. Der Analyse postdramatischer Theatertexte und den dafür nötigen Analysekategorien wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Anhand ausgewählter französischsprachiger und deutschsprachiger Theaterstücke sollen verschiedene Aspekte, Auffassungen und Darstellungsweisen der Globalisierung sowie Stellungnahmen zu Auswirkungen globaler Prozesse im Hinblick auf den jeweiligen Sprach- und Kulturraum beleuchtet werden.

Behandelte Werke:

- Falk Richter: Electronic City (2004)und Unter Eis (2004), Roland Schimmelpfennig: Der Goldene Drache (2009).

- Michel Vinaver: A la renverse (1980) und 11 septembre 2001- 11 September 2001 (2002), Alexandra Badea: Pulvérisés ! (2012).

Unterrichtssprache: Deutsch

Deutsch-französische Kulturtransfers im Theater (Brecht in Frankreich, das absurde Theater im deutschsprachigen Raum)

Datum: mittwochs, 14.04.-14.07.21, 12.15 bis 13.45 Uhr

Ort: Online-Veranstaltung über MS Teams, inkl. zweier Präsenztermine (Änderungen vorbehalten)

LSF-Nummer: 129626

Das Seminar widmet sich Verflechtungen zwischen dem deutschsprachigen und dem französischsprachigen Theater, wobei gemäß der Kulturtransferforschung auf konkrete Fallbeispiele, Konstellationen und Akteure Rücksicht genommen wird. Nach einer historischen Perspektivierung wird auf die zweite Hälfte der 1950er und auf die erste Hälfte der 1960er Jahre als besonderen Moment der deutsch-französischen Theatergeschichte fokussiert. Ausgehend vom Intellektuellen- und Theatermacher-Netzwerk um die Zeitschrift Théâtre populaire (s. Nicole Colins und Marco Consolinis Publikationen dazu) und von der Analyse französischer Theatertexte (z. B. Arthur Adamovs Stücke) soll einerseits Bertolt Brechts Erfolg in Frankreich, die sogenannte "Brechtomanie" nach den Pariser Gastspielen des Berliner Ensembles in den Jahren 1954 und 1955, untersucht werden. Andererseits sollen die Rezeption des sogenannten "absurden Theaters" (s. Marie-Christine Gays Forschungsarbeit) im deutschsprachigen Raum thematisiert und hierbei Theaterstücke Wolfgang Hildesheimers analysiert werden. Im Laufe des Seminars wird der Versuch unternommen, das Konzept einer transnationalen Theatergeschichte zu reflektieren.

Werkauswahl:

Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder (1939), Arthur Adamov: Paolo Paoli (1957) und La politique des restes (1962).

Eugène Ionesco: Les Chaises (1951), Wolfgang Hildesheimer: Spiele, in denen es dunkel wird: Die Pastorale oder Die Zeit für Kakao/ Die Uhren/ Landschaft mit Figuren (1958) und Über das absurde Theater (1960).

Unterrichtssprache: Deutsch

Podiumsdiskussion: Kolonialgeschichte und postkoloniale Perspektiven in der deutschen und französischen Theaterszene

Zeit: Mittwoch, 30. Juni 2021, 18.00-20.00 Uhr
Ort: online über Microsoft Teams

Öffentliche Veranstaltung in deutscher und französischer Sprache.

Im Rahmen dieser Online-Podiumsdiskussion diskutieren Frau Dr. Charlotte Bomy und Dr. Pénélope Dechaufour gemeinsam mit Studierenden postkoloniale Fragen und Debatten in der deutschen und in der französischen Theaterszene.

  • Frau Dr. Charlotte Bomy ist Theaterwissenschaftlerin und Germanistin (Promotion 2008). Sie arbeitet als freie Übersetzerin mit Schwerpunkt Theater und Geisteswissenschaften in Berlin. Im Rahmen der Buchreihe Drama Panorama, die beim Neofelis Verlag erscheint, co-kuratiert sie mit Lisa Wegener die Anthologie Afropéen*nes – afrodiasporische Dramatik aus Frankreich.
  • Frau Dr. Pénélope Dechaufour ist "Maître de conférences" (Dozentin) für Theaterwissenschaft an der Universität Montpellier in Frankreich (Promotion 2018). Sie forscht zum zeitgenössischen frankophonen Theater. Mit Sylvie Chalaye gibt sie 2015 den Band Afropéa - Un territoire culturel à inventer heraus. Sie veröffentlicht regelmäßig wissenschaftliche Beiträge zum frankophonen Theater (u.a. zu Kossi Efoui).

Prof. Dr. Florence Baillet

Vita

  • seit September 2012: Professorin für deutschsprachige Literatur und Theater an der Universität Sorbonne Nouvelle.
  • 2011: Habilitation (Betreuer: Prof. Dr. Jean-Louis Besson, Universität Nanterre) im Fach Theaterwissenschaft mit einer Habilitationsschrift zum Thema "Théâtre et politique dans l’espace germanophone moderne et contemporain: un art du dissensus". Zulassung zum Bewerbungsverfahren durch den Conseil National des Universités in den Sektionen 12 (Fach: Germanistik) und 18 (Fach: Theaterwissenschaft).
  • 2000-2012: Dozentin (Maître de conférence) für deutschsprachige Literatur und Theater an der Univeristät Straßburg (2000-2002) und an der Universität Paris 8 (2002-2012).
  • 2000: Preis Marie-Louise Arconati-Visconti der Chancellerie des Universités de Paris für die Dissertation (Preis der Pariser Universitäten).
  • 1999-2000: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Attachée temporaire d'enseignement et de recherche) an der Universität Straßburg.
  • 1999: Promotion (Promotionsbetreuer: Prof. Dr. Gerald Stieg, Universität Sorbonne Nouvelle) im Fach Germanistik mit einer Dissertation zum Thema "Les discours sur l’utopie dans le théâtre allemand contemporain (revues, pièces, mises en scène) de l'après-1976 en RDA et de l'après-1968 en RFA au lendemain de la réunification".
  • 1996-1999: Doktorandenstipendium mit Lehrauftrag (AMN Allocatrice monitrice normalienne) an der Universität Sorbonne Nouvelle.
  • 1990-1996: Studium der Germanistik und der Theaterwissenschaft an der Ecole Normale Supérieure in Paris sowie an der Freien Universität in Berlin (1991-1993) und am Amherst College in den USA (1994-1995).
 
Forschungsschwerpunkte
  • Theater in transnationaler Perspektive
  • Theater und Politik im deutschsprachigen Raum
  • Theaterwissenschaft und Bildwissenschaft, Theater und Wahrnehmung (Optik und Haptik)
Forschungsprojekte
  • Konzeption, Organisation und Leitung internationaler Symposien (mit Prof. Dr. Nicole Colin, Universität Aix-Marseille):

“Theater - Text - Transfer: Der Verlag L'Arche Editeur als transkultureller Mittler”
Zweiter Teil: "Die Theaterverlage im transnationalen Kontext" (06.-08. Juni 2019 an der Sorbonne Nouvelle, am Goethe-Institut, am Heinrich-Heine-Haus und an der Comédie-Française)
“Theater - Text - Transfer: Der Verlag L'Arche Editeur als transkultureller Mittler”
Erster Teil: "Übersetzung von Theatertexten" (21.-23. März 2019 an der Maison du Théâtre, Universität Aix-Marseille)

  • Forschungen zum französischen Regisseur Jean-Marie Serreau (1915-1973) und zu seinem Verhältnis zu den deutschsprachigen Ländern (Serreaus Brecht-Rezeption, Serreaus Inszenierungen - u. a. von Aimé Césaires La Tragédie du roi Christophe - im deutschsprachigen Raum) (Dieses Forschungsprojekt bildet einen Teil des von Prof. Dr. Sylvie Chalaye (Universität Sorbonne Nouvelle) geleiteten kollektiven Forschungsprogramms zu Jean-Marie Serreau)