Habilitationsprojekt (Dr. Jasmin Nicklas)

Zwischen Sein und Nicht-Sein: Eine Geschichte der Konstruktionen von Geburt und Tod, 1918–1945

Wann beginnt menschliches Leben und wann endet es? Geburt und Tod gelten gemeinhin als Erfahrungsräume eines Übergangsstadiums zwischen Sein und Nicht-Sein. Gerade in jüngster Zeit erschienen zahlreiche geschichtswissenschaftliche Studien, die sich mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Sterben, Trauer und Tod auseinandersetzten. Gleiches gilt für Publikationen zur Geschichte von Geburt, Mutterschaft und Familie. Sämtliche historiographischen Auseinandersetzungen mit Geburt und Tod enthalten für sich ein erhebliches Innovationspotential, wagen jedoch keine konsequente historische Betrachtung der beiden performativ eng miteinander verknüpften Transzendenzprozesse. Das Forschungsprojekt strebt daher eine konsequente Zusammenschau des Übergangs zwischen Sein und Nicht-Sein und den damit einhergehenden politischen, ökonomischen wie soziokulturellen Darstellungsformen sowie den daran geknüpften Diskursen und Praktiken an. 

Aufgrund ihrer existenziellen Bedeutung entwickelten Menschen seit jeher kulturelle und gesellschaftliche Rituale rund um Geburt und Tod. Anders als Historiker*innen analysierten Anthropolog*innen und Ethnolog*innen seit den 1960er Jahren beide Transzendenzprozesse als verflochtene Praktiken. Gemeint sind beispielsweise Darstellungsformen in Geburts- und Traueranzeigen, Abläufe von Tauf- und Trauergottesdiensten, der Umgang mit dem Körper Gebärender, Neugeborener und Gestorbener usw. Da es sich grundsätzlich sowohl beim Geboren-Werden als auch beim Sterben um biologische Prozesse handelt, die ausschließlich individuell erfahren, aber gesellschaftlich mit-erlebt, geformt und bewältigt werden, erscheint eine vergleichende Betrachtung zum Umgang mit dem Beginn und dem Ende des Lebens lohnend. 

Zeitlich fokussiert sich das Habilitationsprojekt auf die Zwischenkriegszeit und die Jahre, die in Europa durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geprägt waren. Eine akteurszentrierte Herangehensweise ermöglicht es zudem, über Staatsgrenzen hinweg verschiedenste Standpunkte, Interessen und Aushandlungsprozesse rund um Geburt und Tod offenzulegen und nachvollziehbar zu machen. Es ist offenbar, dass sich eine Unterteilung nach Berufs- und Gesellschaftsgruppen anbietet: Politiker*innen, Kirchenvertreter, medizinisches Personal wie Ärzt*innen und Hebammen, Jurist*innen, Bestatter*innen, Architekt*innen, Bildhauer*innen, Intellektuelle, Wissenschaftler*innen usw. Darüber hinaus werden intersektionale Akteursgruppenperspektiven (gender, age, race, class) berücksichtigt. Die Quellenauswahl erfolgt entlang dieser Akteur*innen. Das Korpus reicht von politischen und juristischen Akten über Dokumente öffentlicher sowie privater Institutionen (Kirchen, Kliniken, Hebammenverbände, Bestatttungsvereinigungen) bis hin zu Printmedien. 

Dabei stehen die Auswirkungen von Demokratisierungs- und Radikalisierungsprozessen auf den Umgang mit Geburt und Tod in der deutschen Gesellschaft im Zentrum des Erkenntnisinteresses. Systematisch nach den Aus- bzw. Einwirkungen politischer Demokratisierung- und Radikalisierungserfahrungen auf die soziokulturelle Performanz beider Transzendenzprozesse zu fragen, ermöglicht es, zu überprüfen, inwiefern die einzelnen Akteursgruppen den Umgang mit Geburt und Tod zur Sicherung politischer Macht und Teilhabe nutzten. Wie änderten sich Handlungsspielräume für bestimmte Akteursgruppen unter geänderten politischen Rahmenbedingungen? Wirkten sich diese ferner auf die gelebte Performanz von Transzendenzerfahrungen aus? Darüber hinaus sollen konkret die Auswirkungen von Eugenikbewegung, Rassenhygiene, Massenmord und Kriegsalltag auf den Umgang mit natürlichen Todesfällen analysiert werden.