DFG-Forschungsprojekt

"Alte Fans" und "Neue Fans"? -­ Fankulturen im westeuropäischen Fußball der langen 1960er Jahre: ein transnationaler Vergleich der Strukturen und Trends in Westdeutschland, Frankreich und Italien

Der Typus des begeisterten Fußballanhängers, der Fan, stieß lange Zeit auf ein vorwiegend negativ konnotiertes wissenschaftliches Interesse und geriet erst relativ spät in den Fokus zeithistorischer Betrachtungen. Das Thema wurde dabei vorrangig unter nationalstaatlichen Kriterien angegangen, während vergleichs- und / oder transfergeschichtliche Gesichtspunkte in den meisten Fällen bestenfalls am Rande Erwähnung fanden. Auch die Veränderungsdynamiken der langen 1960er Jahre spielten bislang kaum eine Rolle. Hier setzt das Teilprojekt an, indem die aufkommende Fankultur der Jahre zwischen 1955 und 1975 konsequent als transnationales populärkulturelles Phänomen verstanden und unter vergleichendem Blickwinkel untersucht wird. Ausgangspunkt ist die in den 1950er Jahren beginnende Entwicklung in Italien, wo Gruppen von Fußballvereinsanhängern erstmals ein spezifisches subkulturelles Auftreten pflegten, welches sich im Laufe der langen 1960er Jahre auf Südfrankreich und dann auch auf die Bundesrepublik Deutschland ausbreitete. Der transnationale Zugang erlaubt es, den innovativen Charakter des verstärkten Organisationsgrades und dessen Ursachen kritisch zu hinterfragen und mit den tiefgehenden soziokulturellen Veränderungen jener Jahre zu konfrontieren. So wäre beispielsweise zu überprüfen, inwieweit die Gründung der Fanclubs vorrangig ein Indiz für ein organsiertes Zusammengehörigkeitsgefühl über eine größere Distanz zwischen den Vereinsanhängern darstellte, oder ob dahinter politische Ziele oder ein Verarbeiten tiefgehender soziokultureller Veränderungen standen, wie etwa ein gewachsenes Bedürfnis nach emotionaler Beheimatung angesichts wachsender Individualisierungstendenzen. Deswegen sollen die Fankulturen nicht nur anhand ihrer öffentlichen Perzeption als massenwirksames Phänomen in den Blick genommen werden, sondern anhand von konkreten Fallbeispielen auch in mikrohistorischer Perspektive. Darüber hinaus verspricht der transnationale Blickwinkel vielfältige Erkenntnisse im Hinblick auf Ähnlichkeiten, Unterschiede und grenzüberschreitende Entwicklungen, gerade auch vor dem Hintergrund einer zunehmenden Europäisierung des westeuropäischen Fußballs.