DFH-Kolleg Grenz-Metamorphosen

Deutsch-französisch-luxemburgisches Doktorand:innenkolleg

Im Jahr 2027 startet ein neues deutsch-französisch-luxemburgisch ausgerichtetes Doktorand:innenkolleg, das von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) gefördert wird. Das Doktorand:innenkolleg „Grenz-Metamorphosen: Integration – Brüche – Transformationen“ ist in den multidisziplinären „Border Studies“ angesiedelt und bringt insbesondere Forschende aus Geographie und Zeitgeschichte sowie Rechts-, Politik-, Kultur- und Sprachwissenschaften zusammen. Das Kolleg untersucht im Schnittfeld aus Expertisen und Methodenvielfalt komplexe Transformationsprozesse, um kooperativ-verbindende ebenso wie krisenhaft-disruptive Dynamiken von Grenzen und Grenzregionen zu verstehen. Bedingt durch die räumliche Nähe kommen Wissenschaftler:innen vom Oberrhein über die Großregion bis zur französisch-belgischen Grenzregion zusammen. 

Die am Projekt beteiligten Universitäten und Kolleg:innen sind:

Durch die enge Zusammenarbeit zwischen den Partnerinstitutionen am Oberrhein, in der Großregion sowie im französisch-belgischen Grenzraum entsteht ein innovatives Forschungsnetzwerk, das unterschiedliche ‚Grenzerfahrungen‘ miteinander verknüpft. Verschiedene wissenschaftliche Perspektiven und Methoden werden in einem inter- und transdisziplinären Ansatz gezielt miteinander verbunden, um komplexe Transformationsprozesse in Grenzregionen besser einzuordnen. Das Doktorand:innenkolleg leistet damit einen Beitrag zum besseren Verständnis aktueller Transformationsprozesse in Europa und entwickelt zugleich neue theoretische und methodische Impulse für die Border Studies.

Wissenschaftliches Thema des Doktorand:innenkollegs

Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts erste Forschungsarbeiten zu Grenzen mit ihren jeweiligen Verläufen, Verschiebungen, politischen Zuständigkeiten, Sprachpraktiken etc. entstanden sind, hat sich in Europa vor allem seit den 1990er Jahren ein multi- und interdisziplinäres Forschungsfeld institutionalisiert: die Border Studies. Dafür entscheidend waren weitreichende Umbrüche im europäischen und globalen Kontext, bedingt durch den Fall des Eisernen Vorhangs mit den einhergehenden Grenzverschiebungen und neuen Globalisierungstendenzen. In Europa kam hinzu, dass mit der Realisierung des gemeinsamen Binnenmarktes und dem Schengenraum die Idee eines ‚Europas ohne Grenzen‘ immer stärker artikuliert wurde, das sich durch Freizügigkeit und Mobilität sowie die Schaffung eines gemeinsamen Raums des Zusammenlebens und einer europäischen Bürger:innenschaft auszeichnet. Einige Zahlen illustrieren die heutige Bedeutung von Grenzregionen in der Europäischen Union, die auf europäischen Integrationsschritten seit dem Zweiten Weltkrieg fußen: Rund 40 Prozent des EU-Territoriums sind Grenzregionen, mehr als ein Drittel der EU-Bewohner:innen lebt in Grenzregionen, knapp zwei Millionen Grenzgänger:innen pendeln über nationalstaatliche Grenzen hinweg zur Arbeit. Jüngste Entwicklungen deuten aber auf eine Renaissance von Grenzen hin, die sich in Abschottungspolitiken, verstärkten Grenzbefestigungen und einer starken Digitalisierung von Grenzregimen zeigt und die vertrauten geopolitischen Ordnungen, Macht-Allianzen und Formen des Zusammenlebens Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend in Frage stellen. Zu diesen Entwicklungen zählen z.B. die Terroranschläge von 9/11 nach der Jahrtausendwende, die Klimaflucht, die sog. Flüchtlingskrise und die fortschreitende Sicherung der EU-Außengrenzen, die Covid-19-Pandemie oder die militärische Invasion Russlands in der Ukraine.

Angesichts der veränderten Bedeutung von Grenzen sowie unter dem Eindruck der wissenschaftstheoretischen Wenden in den Sozial- und Kulturwissenschaften hat sich in den Border Studies ein konstruktivistisches Verständnis von Grenzen verstärkt. Es überwindet die Idee starrer Grenzen/borders zugunsten von Grenzziehungsprozessen/bordering processes. Auf diese Weise wird es in der Forschung möglich, ein prozessuales Grenzverständnis anzuwenden, das in gesellschaftlich weitreichende Zusammenhänge eingebettet ist. Dahingehend zugeschnittene Untersuchungsdesigns erlauben es, von Grenzen aus räumlicher und gesellschaftlicher Perspektive zu denken und gerade Grenzregionen mit ihren unterschiedlichen Verflechtungen über nationalstaatliche Grenzen hinweg differenziert zu betrachten. 

Ausrichtung des Doktorand:innenkollegs

Neben der Geographie und der Zeitgeschichte verorten sich u.a. Forschende aus Politik-, Rechts-, Kultur- und Sprachwissenschaften im Kontext der Border Studies. Auch wenn diese global (z.B. Association for Borderlands Studies) oder grenzüberschreitend (z.B. UniGR-Center for Border Studies) vernetzt sind, so gilt dies nicht in strukturierter Weise für deren Promovierende. Das Doktorand:innenkolleg „Grenz-Metamorphosen: Integration – Brüche – Transformationen“ möchte diese Lücke schließen und ermöglicht Nachwuchswissenschaftler:innen eine disziplinenübergreifende Vernetzung durch einen strukturierten Austausch. Im Doktorand:innenkolleg wird von den angeführten Disziplinen ausgegangen, die gemeinsam konzeptuell und praktisch mit ihrer Methodenvielfalt ein komplexes Mosaik von Veränderungsprozessen von Grenzen und Grenzregionen herausarbeiten und systematisch analysieren. Das Kolleg stellt entsprechend Umbrüche im Zuge von europäischen Transformationen der Nachkriegszeit ins Zentrum, bei denen Aushandlungen um Grenzen eine entscheidende Rolle einnahmen und einnehmen. Der erfolgte europäische Integrationsprozess galt lange Zeit als Erfolgsgeschichte aufgrund der Entwicklung grenzüberschreitender Institutionalisierungen wie Eurodistrikten und formalisierten Strukturen wie Europäischen Verbünden territorialer Zusammenarbeit (EVTZ). Irreguläre Migration, Terrorismus, die Covid-19-Pandemie und vielfältige weitere Krisen, auch mit populistischen Tendenzen und einem Rechtsruck in Europa – Stichwort ,Polykrise‘ – führen im 21. Jahrhundert wiederum vor Augen, welche Dissoziationen erfolgen können. 

Aktualitätsorientierte Analysen sollen in diesem Lichte von einer zeitgeschichtlichen Relationierung profitieren, mit der Krisenhaftigkeiten als Normalfall und mitunter produktives Momentum, gleichzeitig aber auch als destruktive Zäsuren verstanden werden können. 

  • Welche Grenz-Metamorphosen erfolg(t)en? 

  • Welche (des)integrierenden Transformationen haben sich vollzogen und vollziehen sich? 

Multiperspektivische, konzeptuelle und methodische Zugänge sollen das Kolleg anleiten, wovon die beteiligten Promovierenden zugunsten einer Dezentrierung des eigenen Blicks profitieren können. Gemeinsam im multidisziplinären Verbund wird es so möglich, (Grenz-)Umbrüche in einer komplexen Welt differenziert(er) zu verstehen und ihnen systematisch(er) zu begegnen.

Workshops

Im Rahmen der ersten vier Jahre des Doktorand:innenkollegs (2027-2030) sind verschiedene Workshops an den beteiligten Partneruniversitäten u.a. zu folgenden Themen vorgesehen:

  • Prozesshaftigkeit von Grenzen

  • Border Studies und europäische Integrationsgeschichte

  • Raum und Zeit: Grenztemporalitäten 

  • Kontinuität und Disruptivität in Grenzräumen 

  • Grenzkrisen und -transformationen 

  • Resilienz grenzüberschreitender Verflechtungsräume

  • Grenz-Un-/Ordnungen 

  • Komplexitäten und Multivalenz von Grenzen

Dadurch wird Nachwuchswissenschaftler:innen die Möglichkeit gegeben, sich in einem internationalen und mehrsprachigen Forschungsumfeld zu vernetzen und fortzubilden. Neben Fachvorträgen und Podiumsdiskussionen bieten die Workshops Raum für die Vorstellung des eigenen Promotionsthemas, das Einholen von Peer-Feedback sowie Diskussionen im open space-Format. Dabei werden gezielt Kontakte zu Akteur:innen aus Politik, Verwaltung, Kultur und Zivilgesellschaft hergestellt, um wissenschaftliche Perspektiven mit gesellschaftlicher Praxis zu verbinden. Im Nachgang der Workshops sind gemeinsame Publikationen im Sammelbandformat vorgesehen. 

DFH-geförderter Auslandsaufenthalt

Das Doktorand:innenkolleg ermöglicht es, neben der Teilnahme an den Workshops einen über die Deutsch-Französische Hochschule finanzierten Auslandsaufenthalt an einer der Partneruniversitäten des Kollegs zu verbringen. 

Kollegleitung an der Universität des Saarlandes: Prof. Dr. Florian Weber

Kollegkoordination: Leonie Staud

Gefördert durch die Deutsch-Französische Hochschule (DFH)