Philipp Didion

Dissertationsprojekt von Philipp Didion

Fußball jenseits der Metropolen – Eine vergleichende Stadion-Kultur-Geschichte in französisch-westdeutscher Perspektive von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren

Kaiserslautern, Reims, Mönchengladbach, Saint-Étienne – Städtenamen, die in der deutsch-französischen Fußballlandschaft auf traditionsreiche, erfolgreiche Zeiten noch vor dem großen Globalisierungsschub in den 1980er-Jahren hinweisen. Diese Städte werden im kollektiven (Fußball-)Gedächtnis vor allem mit ihren Stadien verbunden: dem Betzenberg-Stadion, dem Stade Auguste-Delaune, dem Bökelberg-Stadion und dem Stade Geoffroy-Guichard. Zugleich standen Fußballstadien im Allgemeinen und die genannten Sportstätten im Speziellen bisher nur äußerst selten im Fokus der Geschichtswissenschaft.
Das Dissertationsprojekt nimmt diese Stadien vergleichend als zentrale Orte der Nachkriegsjahrzehnte in den Blick, an denen sich politische, wirtschaftliche, kulturelle wie gesellschaftliche Strukturen und Trends der Zeit manifestierten. Ziel ist es, eine Stadion-Kultur-Geschichte – und damit auch eine Fußballgeschichte – jenseits der Metropolen zu schreiben. Das Projekt verknüpft sportgeschichtliche mit allgemeinhistorischen Fragestellungen und nimmt die Ausformungen verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche im und um die genannten Sportarenen sowie deren Wandel über die Zeit in den Blick: Politik, Wirtschaft, Freizeitverhalten, Konfliktuelles, Technik und Architektur, …. So liegt das Erkenntnisinteresse auch auf der Geschichte dieser Städte, die in der Geschichtswissenschaft bislang wenig Beachtung fanden.
Dem Vorhaben ist eine doppelte Vergleichsperspektive inhärent: Synchron geht es um deutsch-französische Gemeinsamkeiten und Unterschiede während der Erfolgsjahre der jeweiligen Heimmannschaften – 1. FC Kaiserslautern / Stade de Reims in den 1950er- sowie Borussia Mönchengladbach / AS Saint-Étienne in den 1970er-Jahren; diachron um den Wandel jener sportscapes von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren durch sozio-kulturelle, sozio-ökonomische, massenmediale sowie fußballimmanente Veränderungen. Die synchrone Perspektive basiert auf einem französisch-westdeutschen Vergleich, der in der Sportgeschichte – im Gegensatz zu deutsch-britischen oder französisch-italienischen Vergleichen – bisher noch äußerst selten ist. Der diachrone Blickwinkel wiederum ermöglicht es, Prozesse der Professionalisierung, Medialisierung, Kommerzialisierung und Multifunktionalisierung, aber auch den Strukturwandel der Städte eingehend zu erforschen.
Sowohl für Frankreich als auch für die Bundesrepublik Deutschland stellt sich die Frage, welche Funktionen diese Arenen in den vier Städten übernahmen. Wie äußerten sich gesellschaftliche Verhältnisse und Wandlungen in und um diese Sportstätten? Welche Interdependenzen lassen sich bei den konkreten Fällen zwischen Stadion und Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur ausmachen? Welche Rolle spielten die verschiedenen Akteursgruppen – die Anhängerschaften der Vereine, das Publikum in den Stadien, die Funktionäre, die politischen, wirtschaftlichen und medialen Akteur:innen, die Architekten? Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede lassen sich einerseits zwischen Deutschland und Frankreich und andererseits zwischen den 1950er und den 1980er Jahren herausarbeiten?

Cotutelle, Betreuung durch Prof. Dr. Dietmar Hüser (Universität des Saarlandes) und Prof. Dr. Paul Dietschy (Université Bourgogne Franche-Comté)