Philipp Didion

Dissertationsprojekt von Philipp Didion

Fußballstadien als gesellschaftliche Kristallisationspunkte in Frankreich und der Bundesrepublik von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren
Eine moderne Kulturgeschichte der Provinz

Der Begriff ‚Provinz‘ ist umstritten. Meint er ursprünglich eine territoriale Verwaltungseinheit, so ist er in der Umgangssprache in den meisten Fällen negativ konnotiert (Rückständigkeit, Fortschrittsfeindlichkeit etc.). Im zentralistischen Frankreich ist der Begriff – im Gegensatz zum föderalistischen Deutschland – deutlich problematischer und verweist auf den Gegensatz zwischen Paris und Provinz (Paris et le désert français, Jean-François Gravier, 1947). Das Dissertationsprojekt thematisiert die Ausformungen und Charakteristika der Provinz anhand eines exemplarischen Orts, dem Fußballstadion. Anhand von vier markanten Beispielen – dem Betzenberg-Stadion in Kaiserslautern, dem Stade Auguste-Delaune in Reims, dem Bökelberg-Stadion in Mönchengladbach und dem Stade Geoffroy-Guichard in Saint-Étienne – soll eine moderne Kulturgeschichte der Provinz entstehen.
Die Hypothese lautet einerseits, dass Fußballstadien in den Nachkriegsjahrzehnten zu zentralen Orten dieser Provinzstädte wurden, an denen sich ein wichtiger Teil der Soziabilität und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dieser Städte abspielte. Andererseits lässt sich postulieren, dass die Provinz den abwertenden Attribuierungen keineswegs entsprach, dass dort eben doch besondere kulturelle Angebote und ein bedeutendes gesellschaftliches Leben existierten. Bei der Analyse dieser Fußballstadien geht es um eine doppelte Vergleichsperspektive: synchron um die deutsch-französischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Städte und Stadien während der Erfolgsjahre der jeweiligen Heimmannschaften – 1. FC Kaiserslautern / Stade de Reims in den 1950er-Jahren sowie Borussia Mönchengladbach / AS Saint-Étienne in den 1970er-Jahren –; diachron um den gesellschaftlichen Wandel rund um diese sportscapes in den 1960er- und 1970er-Jahren. Das Projekt möchte die Manifestationen verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche im und um die genannten Sportarenen sowie deren Wandel über die Zeit in den Blick nehmen: Politik, Wirtschaft, Freizeitverhalten, Gewalt und Ausgrenzung, Technik und Architektur, ...
Sowohl für Frankreich als auch für die Bundesrepublik Deutschland stellt sich die Frage, wie (bzw. ob überhaupt) sich Provinz in und um diese Fußballstadien fassen lässt. Welche Funktionen übernahmen die Arenen in den vier Städten? Wie äußerten sich gesellschaftliche Verhältnisse und Wandlungen in und um diese Sportstätten? Welche Rolle spielten die verschiedenen Akteursgruppen – die Anhängerschaften der Vereine, das Publikum in den Stadien, die Funktionäre, die politischen, wirtschaftlichen und medialen Akteure, die Architekten und Stadtplaner? Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede lassen sich einerseits zwischen Deutschland und Frankreich und andererseits zwischen den 1950er und den 1980er Jahren herausarbeiten?

Cotutelle, Betreuung durch Prof. Dr. Dietmar Hüser (Universität des Saarlandes) und Prof. Dr. Paul Dietschy (Université Bourgogne Franche-Comté)