Blog der Europäischen Zeitgeschichte

Herzlich Willkommen auf der Blogseite des Lehrstuhls für Europäische Zeitgeschichte! Hier finden Sie Blogbeiträge und Fotos der Lehrstuhlmitarbeiter zu vergangenen Veranstaltungen.

Vortrag von Prof. Dr. em. Adolf Kimmel im Stadtarchiv Saarbrücken, 28.06.18

Mit einem Vortrag von Prof. Dr. em. Adolf Kimmel (St. Ingbert) zum Thema  "Der Front National: Hintergründe und Entwicklung. Ein Vergleich mit der AfD" ging die Saarbrücker Vortragsreihe zu Macrons neuem Frankreich zu Ende. Zunächst zeichnete Kimmel einen historischen Abriss zur Entwicklung des Front National von der Gründung 1972 durch Jean-Marie Le Pen über die Wahlerfolge in den 1980er Jahren bis hin zur Niederlage im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen 2017. Besonders hob er dabei die Übernahme des Parteivorsitzes durch Marine Le Pen im Jahre 2011 hervor, die sich von ihrem Vater distanzierte und seither eine Politik der "Dédiabolisation" anstrebt. Die Ursachen für den Aufstieg der FN sind laut Adolf Kimmel vielfältig. Das Parteienprogramm spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, da viele FN-Anhänger sich als Protestwähler herauskristallisierten. Bei einem kurzen Vergleich zur AfD ging Kimmel auf die zunächst herrschende Funkstille ein, bis es zu ersten Annäherungsversuchen zwischen Björn Höcke und Marine Le Pen kam, da sich auch ähnliche Positionen in bestimmten Themen wie der Asylpolitik oder der Euroskepsis herausstellten. Für den Front National, der sich mittlerweile in "Rassemblement National" umbenannt hat, stellt Adolf Kimmel eine ungewisse Zukunft heraus. Das größte Problem der Partei sei seine Isolierung in der Politik und noch scheint es unklar, ob diese zu überwinden ist.
Zur Vertiefung: Ronja Kempin, Der Front National. Erfolg und Perspektiven der "Stärksten Partei Frankreichs", online unter: www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2017S06_kmp.pdf

Saskia Lennartz

Sehen, wo die Kanzler wohnten – erleben, wie Geschichte entsteht: Eine Exkursion zum ehemaligen Kanzlerbungalow und zum Haus der Geschichte in Bonn, 19.06.18

"Männer machen Geschichte". Für die ehemaligen Mieter des Kanzlerbungalows in Bonn ist der Ausspruch Treitschkes zutreffend: Ausschließlich Männer regierten die Bonner Republik. Doch was bedeutet überhaupt "Geschichte machen"? Bestimmen die politischen Akteure früherer Zeit über unser historisches Verständnis oder definieren vielmehr Geschichtswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an den Universitäten sowie Museumskuratorinnen und -kuratoren unsere Wahrnehmung des Vergangenen? Zu dieser Frage und weiterführenden Diskussionen regte die Exkursion in den ehemaligen Kanzlerbungalow und das Haus der Geschichte die Studierenden an. Auf die Spuren der bundesdeutschen Geschichte begaben sich sowohl die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer der beiden Übungen "Die Bundesrepublik in den langen 1960er Jahren" bzw. "Vom Luxus zur Normalität. Die Saar auf dem Weg zum modernen Massenkonsum seit 1945" als auch mehrere Lehrstuhlmitglieder. Der unterschiedliche thematische Zuschnitt der beiden Lehrveranstaltungen ermöglichte eine spannende und facettenreiche Debatte über die eingangs erwähnte Frage während der Rückreise.

Jasmin Nicklas

Vortrag von Prof. Dr. Jörg Requate im Stadtarchiv Saarbrücken, 14.06.18

"Zwischen literarischem Anspruch und Nähe zur Politik: Kennzeichen des französischen Journalismus vom 19. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit" betitelte Prof. Dr. Jörg Requate von der Universität Kassel seinen Beitrag zur Vortragsreihe "Macrons neues Frankreich". Er warf zunächst einen Blick auf die Geschichte der französischen Presse, in der beispielsweise 1830 die Einschränkung der Pressefreiheit zur Revolution führte. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts begann etwa auch die Kommerzialisierung der Presse über niedrigere Abonnementspreise. Gab es in den 1960er Jahren dann vor allem die starke, staatlich gelenkte Rundfunkanstalt ORTF, ist seit den 1970er Jahren charakteristisch was auch heute noch zutrifft: Französische Zeitungen sind häufig im Besitz von Investoren, die diese vor allem als Möglichkeit der Einflussnahme nutzen. Neben dieser Verbindung von Wirtschaft und Journalismus ist auch diejenige von Politik und Journalismus in Frankreich selbstverständlicher als in Deutschland. Präsident Emmanuel Macron hat allerdings einen Bruch zu seinen Vorgängern Sarkozy und Hollande vollzogen, die die Presse stärker zur Selbstinszenierung nutzten. Er punktete im TV-Duell mit Sachkompetenz statt persönlichen Geschichten und verbannte die Journalisten aus dem Élysée-Palast. Der "Alles-neu-Macher" setzt auf Distanz zu den Medien und will so die Kontrolle über die Kommunikation zurück gewinnen.

Buchtipp zur Vertiefung: Requate, Jörg, Frankreich seit 1945. Göttingen 2011.

Felicitas Offergeld

Vortrag von Dr. Ansbert Baumann in Luxemburg, 11.06.18


"Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen die Fußball spielten"

Von der Gründung erster griechischer, italienischer, spanischer und türkischer "Gastarbeitervereine" in den 1960er Jahren in Westdeutschland über die Integration der ausländischen Arbeiterkinder in die deutschen Vereine, von der Beschränkung auf zwei ausländische Spieler pro Mannschaft bis zu den ersten auf Integration zielenden Maßnahmen des DFB, von der Strategie der Arbeitgeber zur Sportaußenpolitik der Entsendestaaten beleuchtete Ansbert Baumann (Universität des Saarlandes) das Spannungsverhältnis zwischen Inklusion und Exklusion durch Fußball.

Vortrag von Dr. Barbara Kunz im Stadtarchiv Saarbrücken, 07.06.18


Verschiedene Welten – gemeinsame Ziele: Wie kommen Frankreich und Deutschland verteidigungspolitisch zusammen?


Barbara Kunz (Institut français des relations internationales, Paris) befasste sich in ihrem Vortrag mit den deutsch-französischen Beziehungen im Bereich der Verteidigungspolitik. Sie stellte die These auf, dass es zwischen den beiden Nachbarländern trotz großer Bemühungen der vergangenen Jahre und trotz dem Anschub von Emmanuel Macron keine erfolgreiche Zusammenarbeit in diesem Bereich stattgefunden hat. Diese schwere Zusammenarbeit führt Barbara Kunz auf die verschiedenen "strategischen Kulturen" zurück, die stark in den beiden Ländern von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt sind. Deutschland mit seiner parlamentarischen Armee und seinem Willen, immer multilateral militärisch zu intervenieren, ist den interventions- und effizienzorientierten Franzosen zu langsam und zu skeptisch. Beide Länder stehen vor großen Herausforderungen. Knackpunkte für die zukünftige Kooperation werden unter anderem die Entwicklung der PESCO im Rahmen der Europäischen Union, die Frage der Material- und Waffenexporte sowie die Gründung der von Macron vorgeschlagenen "Europäischen Interventionsinitiative" sein.
Zur Vertiefung: Barbara Kunz u.a., Mind the gap. How France and Germany can spearhead joint foreign policy initiatives now, DGAPkompakt, 2018 (https://dgap.org/en/article/getFullPDF/30467)

Maude Williams

Dt.-frz.-lux Doktorandenkolleg in Luxemburg, 01.06.18


Am 1. Juni, dem letzten Tag der Doktorandenschule des trinationalen Doktorandenkollegs, hatte zunächst Pascal Schneider (Sorbonne Université / Universität des Saarlandes) das Wort. In seinem Werkstattbericht L’étude sociologique des membres du NSDAP dans les territoires annexés au IIIème Reich de 1938 à 1944 (Alsace, Moselle, Eupen-Malmédy, Sudètes), entre diversité et transversalité gab er Einblicke in vorläufige Ergebnisse seines Dissertationsprojektes und diskutierte diese vor dem Hintergrund des diesjährigen Leitthemas des Kollegs Gesellschaftsdiagnosen: Diversität und Transversalität.
Der Programmpunkt Gesellschaftsdiagnosen – Ausblick richtete das Augenmerk auf themenspezifische Forschungsliteratur: Prof. Dietmar Hüser, Prof. Andreas Fickers und Prof. Hélène Miard-Delacroix stellten Publikationen vor, die relevante und interessante Analysen zu gesellschaftsgeschichtlichen Fragestellungen bieten. Dietmar Hüser und Andreas Fickers wählten dabei aktuelle Abhandlungen, die sich mit 1968 auseinandersetzen – ein Thema, dem aufgrund des Jubiläums und Debatten in Politik und Gesellschaft derzeit große Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Ersterer stellte Detlef Siegfrieds 1968 – Protest, Revolte, Gegenkultur vor. Siegfried biete zwar keine Erarbeitung neuer Quellen, doch eine Bestandsaufnahme der Forschung zu Ereignissen und Akteuren aus anderen Blickwinkeln, die die aktuelle Debatte um das Erbe von 1968 bereichere. Letzterer rezensierte Christina von Hodenbergs Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte. Andreas Fickers hob hierbei die innovative methodologische Herangehensweise der Studie hervor, deren Quellen über eine besondere Authentizität verfügten. Von Hodenberg analysierte circa 60.0000 Tonbandaufnahmen, die ab 1965 im Zusammenhang mit der Bonner Längsschnittstudie des Alterns (BOLSA) entstanden. Hélène Miard-Delacroix stellte das soziologische Werk La souffrance à distance von Luc Boltanski vor. Es verbinde sozilogische, politikwissenschaftliche und philosophische Sichtweisen auf die Frage, inwiefern die Mediatisierung von Leid in der Ferne und humanitären Hilfsaktionen nicht nur eine moralische, sondern auch eine politische Dimension beinhalte. Abschließend stellten Jasmin Nicklas (Universität des Sarlandes / Sorbonne Université) und Paul Maurice (Sorbonne Université / Universität des Sarlandes) die Interdisziplinäre Forschungsgemeinschaft Frankreich-Deutschland (IFFD) / Groupe Interdisciplinaire de Recherche Allemagne-France (GIRAF) vor. Auch informierten sie über anstehende Projekte, wie die geplante Tagung zur Emotionsgeschichte, die im Oktober an der Universität des Saarlandes stattfinden wird.

Melanie Bardian

Dt.-frz.-lux Doktorandenkolleg in Luxemburg, 31.05.18


Der zweite Tag der Doktorandenschule des trinationalen Doktorandenkollegs startete mit der vergleichenden Präsentation der virtuellen und physischen Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Luxemburg. Dr. Sandra Camarda (C²DH – Université du Luxembourg), Kuratorin und Projektkoordinatorin, führte zunächst durch die physische Ausstellung des Centre de Documentation sur les Migrations Humaines (CDMH) in Dudelange. Die Ausstellung beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf die Migrationsgeschichte dieser luxemburgischen Stadt. Sandra Camarda erklärte, dass der Stahl hier als zentrales Element und Symbol der Migrationsgeschichte zu deuten sei: Dudelange, einstiger Hochofen Luxemburgs, lockte Menschen aus Italien, Portugal, dem Deutschen Reich und anderen Orten mit der Aussicht auf Arbeit in der Montanindustrie. Gleichermaßen zog der Stahl auch die spätere Okkupationsmacht an, die die Migration direkt und indirekt beeinflusste. Wer konnte, kehrte meist in sein Herkunftsland zurück, um der unsicheren Zukunft in Dudelange zu entfliehen. Wer blieb, stammte überwiegend aus Italien, das selbst in den Krieg verwickelt war. So ist es nicht verwunderlich, dass die Stadt eine spürbare italienische Prägung erhielt.
In einem zweiten Schritt präsentierte Sandra Camarda die virtuelle Ausstellung Éischte Weltkrich: Remembering the Great War in Luxembourg. Das Internetportal ist ein Projekt des C²DH in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum CDMH. Es zeigt die aktuellen Möglichkeiten der Digital Public History und führt vor Augen, wie Transmedia Storytelling aussehen kann.
Ein geführter Rundgang durch das umliegende Quartier Italien von Dudelange machte die bewegte Geschichte der Industriestadt erlebbar. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops wanderten auf den Spuren der italienischen Migranten, die diese Stadt nachhaltig beeinflussten. Danach berichtete Jost Richter (Universität des Saarlandes) über den Stand seines Promotionsvorhabens Die politische Auseinandersetzung mit der Euro-Krise in Deutschland und Frankreich. Das Forschungsinteresse liegt vor allem darin, die nationalen Besonderheiten der politischen Auseinandersetzung mit der Euro-Krise in Deutschland und Frankreich herauszuarbeiten. Auch verdeutlichte der Vortrag die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die eine transnational angelegte Diskursanalyse mit sich bringt. Der Kommentar von Dr. Elena Danescu (C²DH – Université du Luxembourg) wurde stellvertretend von Benjamin Zenner vorgetragen. Der Donnerstag endete mit einer Führung durch die frühsommerliche Stadt Luxemburg.

Melanie Bardian

Dt.-frz.-lux Doktorandenkolleg in Luxemburg, 30.05.18


Der dritte Workshop des deutsch-französisch-luxemburgischen Doktorandenkollegs: Internationale Geschichte interdisziplinär - Deutsch-französisch-europäische Perspektiven im 20. Jahrhundert startete am Mittwoch, den 31. Mai. Die TeilnehmerInnen des Kollegs, das Leitungsteam (Prof. Dietmar Hüser, Prof. Hélène Miard-Delacroix und Prof. Andreas Fickers) sowie Gast- und NachwuchswissenschaftlerInnen trafen sich in Luxemburg, um unter anderem über das Jahresthema Gesellschaftsdiagnosen: Diversität und Transversalität und den aktuellen Stand der im Kolleg angesiedelten Dissertationsprojekte zu diskutieren. Der Einstieg in den dreitägigen Workshop gab zugleich den inhaltlichen Schwerpunkt der Veranstaltung vor, der an Tag 2 nochmals aufgegriffen wurde: Luxemburgs Migrationsgeschichte.
Dr. Denis Scuto (C²DH – Université du Luxembourg) gab einen Überblick über die verschiedenen migrationsgeschichtlichen Etappen Luxemburgs von der Industriellen Revolution, über den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, die Trente Glorieuses bis hin zu den anschließenden "Trente Splendides" ab Ende der 1970er Jahre. Anhand exemplarischer Biographien verdeutlichte Denis Scuto, dass die Migration von und nach Luxemburg keinesfalls unilateral von statten ging, sondern zirkulierend innerhalb verschiedener Staaten und Regionen. Auch verdeutlichte er unterschiedliche Migrationsmotive und gab einen Überblick über die Geschichte Luxemburgs, das sich von einem der bedeutendsten Montanreviere der Welt zur gewichtigen Bankenmetropole und zum Standort europäischer Institutionen wandelte.
Thematisch passend stellte anschließend Anita Lucchesi ihr Dissertationsprojekt Shaping a digital memory plattform on migration narratives: A public history project on Italian and Portuguese migration memories in Luxembourg vor. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, über ein möglichst breit angelegtes Sample von individuellen Erinnerungen, den Narrativen der italienischen und portugiesischen Migration in Luxemburg nachzuspüren. Mithilfe einer digitalen Plattform wird die klassische Oral History um digitale Quellen erweitert. Anita Lucchesi bietet allen, die ihre Erinnerungen zum diesem Thema online teilen möchten, mit #memorecord eine Onlineplattform. Diese digitale Begegnungsstätte leistet einen großen Beitrag zur Digital Public History und wirft unter anderem die Frage nach der Divergenz zwischen genuin digitalen und "üblichen" schriftlichen historischen Quellen auf. Kommentiert wurde der Werkstattbericht von Prof. em. Dr. Rainer Hudemann (Universität des Saarlandes / Sorbonne Université).

Melanie Bardian

Vortrag von Günter Liehr im Stadtarchiv Saarbrücken, 24.05.18


Unter der Fragestellung "Überfordert die Flüchtlingskrise das Land der Menschenrechte?" präsentierte der in Paris lebende Journalist Günter Liehr aktuelle und historische Entwicklungen des französischen Umgangs mit Migranten.

Ausgehend von einem geschichtlichen Querschnitt zur Migration im Frankreich des 19. und 20. Jahrhunderts verdeutlichte Liehr, dass die Grande Nation als Einwanderungsland zu sehen sei, dass sie jedoch gleichzeitig während der Hochphase der sog. Flüchtlingskrise eine eher ablehnende Haltung eingenommen habe. Dabei betonte er, dass der Umgang mit den Migranten abhängig von der jeweiligen Konjunktur stets zwischen verschiedenen Ebenen oszillierte: zwischen einer toleranten/ humanitären Linie (basierend auf dem Selbstverständnis als Land der Menschenrechte) und einer rigiden Linie (aufgrund des wachsenden Drucks durch den FN) sowie zwischen dem Engagement der Zivilbevölkerung und den konkreten Maßnahmen der Politik. Zudem stellte der Publizist heraus, dass die Migranten sich aktuell in Frankreich anders als in Deutschland stark in einzelnen Ballungsgebieten konzentrierten: vor allem in Paris, in Calais ("Dschungel von Calais") sowie im Roya-Tal an der italienischen Grenze.

Zu Macrons Flüchtlingspolitik meinte der Referent abschließend, dass hier ein Widerspruch zwischen Wort und Tat herrsche: einerseits lobende Worte für die Politik von Kanzlerin Angela Merkel, andererseits eine rigide Abschiebepraxis unter Innenminister Collomb, welche sich auch im neuen Zuwanderungsgesetz widerspiegelt.

Philipp Didion

Vortrag von Detlef Siegfried zur Eröffnung der DFG-Forschergruppe, 17.05.18


Popgeschichte als Gesellschaftsgeschichte. Potenziale der geschichtswissenschaftlichen Erforschung populärer Kulturen.


Zum Eröffnungsvortrag der neugegründeten deutsch-luxemburgischen DFG-Forschergruppe "Populärkultur transnational - Europa in den langen 1960er Jahren" setzte sich Detlef Siegfried (University of Copenhagen) mit der Historiographie von Populärkultur auseinander und skizzierte mögliche Forschungsperspektiven. Nach vielen Jahren von Desinteresse an Populärkultur in der Wissenschaft rückt dieses Forschungsfeld seit Anfang der 2000er näher in den Blick der Kultur-, Medien- und Geschichtswissenschaftler. In jüngster Zeit geschah dies vor allem durch die Untersuchung von Amerikanisierungsprozessen in den europäischen Gesellschaften der Nachkriegszeit. Ein wichtiger Aspekt und möglicher fruchtbarer Ansatz sind aber auch die Untersuchungen von Europäisierungsprozessen und dem Wechselspiel zwischen europäischen und transatlantischen flows in Europa. Denn laut Detlef Siegfried sei es jetzt Zeit, die Theorie um empirische Untersuchungen zu ergänzen. Als Beispiel kann die Rolle von Populärkultur gesehen werden, die sie in den 1960er Jahren spielte, als sich die gesellschaftliche Machtbalance in vielen west- aber auch osteuropäischen Ländern verschob. Hier differenzierte sie neue Artikulationsräume und schuf neue kulturelle Formen, die sich die Gesellschaft - und vor allem die Jugend - aneignen konnte.
Neben ästhetisch-künstlerischen Aspekten, die nicht zu vernachlässigen sind, soll Populärkultur im Blick auf gesellschaftliche und politische Wandlungsprozesse (Demokratisierungsprozesse, Jugendkultur) aber auch im Blick auf wirtschaftliche Entwicklungen (Konsumgeschichte) untersucht werden.
Zur Vertiefung: Detlef Siegfried, Time is on my side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen (Wallstein) 2006.

Maude Williams

Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. em. Rainer Hudeman im Stadtarchiv Saarbrücken, 17.05.18

Im heutigen Teil der Vortragsreihe zu Macrons neuem Frankreich referierte Prof. Rainer Hudemann von der Universität des Saarlandes unter dem Titel "Geteilte Erinnerung? Zum Umgang mit den beiden Weltkriegen in Deutschland und Frankreich". Er ging dabei vor allem auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Nachbarländer in der Auseinandersetzung mit ihrer geteilten Vergangenheit ein. Denn in der Konfrontation mit dem vielfältigen Erbe der beiden Weltkriege kommen tiefgreifende Unterschiede in den politischen Kulturen beider Länder zum Ausdruck. Viele Gründe dafür sind offensichtlich, andere sind komplizierter. Die Phasen der Erinnerung verlaufen in beiden Ländern unterschiedlich, ihre Gegenstände sind jedoch nicht immer gleichermaßen gegensätzlich. Wirkungsmächtige Symbole haben stets von neuem den Gemeinsamkeiten Ausdruck verliehen – und doch zugleich wieder Kontraste demonstriert, so Hudemann. Erinnerung wird vielfach geteilt und bleibt dennoch geteilt. Solche Zusammenhänge beleuchtete Hudemann aus heutiger Perspektive und zeigte auf, welche Wirkungen und Dynamiken sie bis in die Gegenwart haben.

Rainer Hudemann, Felicitas Offergeld

Votrag von Prof. Dr. Dietmar Hüser, 16.05.18


Im Rahmen der Ringvorlesung "Erinnerung und Aufbruch. Das europäische Kulturerbe im Saarland nach 1945" referierte Dietmar Hüser zu "Fußballarenen als Emotionsräume. Das Saarbrücker Ludwigsparkstadion in den 1950er Jahren". Er konstatierte, dass sich Sport und Politik in der "Franzosenzeit" 1945-1955 kaum trennen lassen. Ziel war, den Saarsport in französische Verbandsstrukturen einzubinden, als dies scheiterte, europäisierte "Große Politik" das Problem: ein internationaler Saarpokal entstand, europaweit trugen Saarspitzenteams wie der 1. FC Saarbrücken Freundschaftsspiele aus. Da auch dies niemanden zufriedenstellte, erfolgte trotz politischer Autonomie 1951 die Rückkehr ins südwestdeutsche Ligasystem. Die wichtigen, häufig emotionsreichen Spiele fanden damals im Stadion Kieselhumes statt. Erst als aus den Kriegstrümmern der Ludwigspark wiedererstehen und 1953 endlich eingeweiht werden sollte, stand eine repräsentative Saarsportstätte als Emotionsarena zur Verfügung, etwa für Länderspiele der bis 1956 bestehenden "Saar-Nationalauswahl" wie für andere Sportevents danach. Abschließend bilanzierte Dietmar Hüser, dass Stadien wie der Ludwigspark auf verschiedene Art und Weise transgenerationelle Emotionsräume sein können: ästhetisch durch den Stadionbau; perfomativ durch das körperbetonte Spiel; unterhaltend durch die Ergebnisoffenheit; vergemeinschaftend durch kollektives Mitleiden; identifikatorisch durch Verbundensein mit Verein, Stadt, Region; narrativ als "ex post-Erzählmaschine" in Familie, Freundeskreisen; possessiv durch symbolische Inbesitznahme mit Transparenten, Choreographien, Fangesängen; oder politisch durch Hochstilisieren "harmloser" Fußballplätze zu Kampffeldern politischer Konfliktaustragung: wie an der Saar in den 1950er Jahren.

Dietmar Hüser, Saskia Lennartz, Felicitas Offergeld

Vortrag von Dr. Birgit Metzger im Stadtarchiv Saarbrücken, 03.05.18


Fifty Shades of Green – Eine deutsch-französische Annäherungsgeschichte aus Liebe zur Umwelt


"Make our Planet great again!" – Macron verkündete mit diesem Slogan im vergangenen April vor dem US-Kongress die Neuausrichtung der französischen Umweltpolitik und distanzierte sich gleichzeitig von der Haltung Trumps, der das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt hatte. Dennoch bleibt das staatliche Verhältnis zu Naturschutzfragen im Land des Käses und der Bauern angespannt: Nur eine Woche vor seinem Auftritt in den Vereinigten Staaten ließ der französische Präsident mit großen Polizeiaufgebaut das von Naturschützern besetze Gelände ZAD bei Notre Dame des Landes räumen. In Deutschland, einem Land, dessen Einwohner den Umweltschutz nahezu unisono als identitätsstiftend deklarieren und sich gleichzeitig als begeisterte Autonation verstehen, steigert sich der Abgasskandal zur Wesensfrage: Was ist wichtiger Wirtschaft oder Umwelt?

Birgit Metzger untersuchte in ihrem Vortrag "Global denken, grenzübergreifend handeln? Die Umweltbewegung in deutsch-französischer Perspektive" die Vorgeschichte zu den aktuellen Debatten. Die Verflechtungen der Naturschutzbewegungen diesseits und jenseits des Rheins reichen bis in die 1960er Jahre zurück. Die Saarbrücker Historikerin stellte vier Merkmale für diese Sonderform der Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) heraus: 1. Globales ökologisches Umweltbewusstsein, 2. Umweltverbände, 3. Lokale Konflikte und 4. Grüne Parteien.
Seit Ende der 1960er Jahre entwickelte sich ein globales, transnationales Bewegungssystem, das durch ein weltweit vernetztes Denken auf Grundlage der Ökosystemtheorie entstand. Französische und deutsche Gruppen trugen zum gesteigerten internationalen Interesse an Umweltfragen, die stets kontrovers diskutiert wurden, wesentlich bei. Durch lokale Konflikte, die sich nicht selten am geplanten Bau von Atomkraftwerken in Grenznähe entzündeten, erhielten deutsche und französische Aktivisten Kontakt zu ihren Mitstreitern im Nachbarland. Sie entwickelten gemeinsame Protestformen, organisierten gemeinsame Aktionen bzw. Projekte und halfen sich gegenseitig aus – die Transnationalität der Umweltbewegung bildete für sie einen zentralen Pfeiler ihrer Legitimität. Ein weiterer bestand in der Heterogenität der Bewegung: Gleichermaßen beteiligten sich (in Frankreich und der Bundesrepublik) konservative Bauern sowie linke Intellektuelle bzw. linke Aktivisten an den Aktionen zum Schutze der Natur.

Zum Abschluss ihres Vortrages thematisierte Birgit Metzger die zunehmende Institutionalisierung der Umweltbewegung, die sich ab den 1970er Jahren zunächst in Verbands- und Parteigründungen manifestierte. Während die Verbände stark transnational agierten, verschrieben sich die grünen Parteien stärker nationalen Themen. Eine Gemeinsamkeit blieb aber zwischen grünen Parteien in Deutschland und Frankreich bestehen: In ihnen engagierten sich Konservative und Linke. In Frankreich entstanden deshalb zahlreiche Parteiabspaltungen, die nur ein Kennzeichen für die Schwierigkeiten der Verts in Frankreich sind; in Deutschland prägen Flügelkämpfe bis heute Bündnis 90/die Grünen, die aber dennoch zu einer maßgeblichen politischen Kraft in der deutschen Parteienlandschaft geworden sind.

Jasmin Nicklas

Vortrag von Prof. Dr. Christoph Barmeyer im Stadtarchiv Saarbrücken, 26.04.18


"Die Franzosen sind immer zu spät.", "Les Allemands ne peuvent jamais se détendre.": Im Kontext solcher problematischen Stereotype stellte Prof. Dr. Christoph Barmeyer (Universität Passau/ Université Paris-Dauphine) als dritter Referent der Vortragsreihe zu Macrons neuem Frankreich seine Forschungen zur deutsch-französischen Unternehmenskulturen vor. Konkret präsentierte er unter dem Titel "Deutsch-französische Arbeitskulturen: Interkulturelle Herausforderungen und Synergien" seine Fallstudien zu den deutsch-französischen Kooperationen ARTE und Alleo (ein Zusammenschluss von Deutscher Bahn und SNCF).

Deutsch-französische Zusammenarbeit als Kern Europas: Ausgehend von dieser These legte Barmeyer zunächst dar, wie sehr die jeweilige Kultur eines Landes auch einen Einfluss auf dessen Organisations- und Arbeitspraktiken hat. Die durch das Zusammenspiel zweier Länder entstehende Interkulturalität birgt daher eine Chance zum Austausch und zur Erweiterung des eigenen Horizonts. Gleichzeitig verwies er darauf, dass bei bikultureller Zusammenarbeit generell eine übersteigerte Betonung der (möglichen) Problemfelder zu konstatieren ist. Grundlage für eine gelungene Kooperation sind Kompromisse: Nur, wenn beide Seiten in der Lage sind, gemeinsam neue Regeln und Verhaltensweisen auszuhandeln, können Innovationen entstehen.

Seine Forschungsbefunde zu ARTE und Alleo verdeutlichten einerseits die nationalkulturellen Unterschiede (z.B. eine straffere Hierarchie in Frankreich, eine stärker normierte Werbepraxis in Deutschland oder divergierende berufliche Rollenzuweisungen) andererseits aber auch die Möglichkeit einer sich entwickelnden "ausgehandelten Kultur", die echte Innovationspotentiale mit sich bringt. Abschließend skizzierte der Referent Erfolgsfaktoren einer solchen Unternehmenskooperation, die auch auf andere Bereiche übertragen werden können: Neben einer möglichst weitgehenden Symmetrie, beispielsweise durch die Etablierung binationaler Tandems, scheinen hier auch Schnittstellenmitarbeiter, die als Vermittler auftreten, erfolgsversprechend zu sein. Außerdem sind Motivation, deutsch-französische Mehrsprachigkeit (im Gegensatz zu Englisch als Verkehrssprache) sowie interkulturelle Kompetenz und Personalentwicklung essentielle Faktoren für das Gelingen transnationaler Zusammenarbeit.

In der nachfolgenden Diskussion kamen auch die Kooperationen bei Airbus sowie OPEL/PSA mit ihren jeweiligen Spezifika zur Sprache und es konnten Ausblicke auf andere Partnerschaften im Zuge der wachsenden Internationalisierung (z.B. Renault und Nissan) gegeben werden.

Philipp Didion

Vortrag von Prof. Dr. Joachim Schild im Stadtarchiv Saarbrücken, 19.04.18


Prof. Dr. Joachim Schild referierte am 19.4.18 im Rahmen der Vortragsreihe "Französische Wochen" zu dem Thema "Deutschland, Frankreich und die europäische 'Relance'. Die Europäische Union aus deutscher und französischer Perspektive". Der Politikwissenschaftler von der Universität Trier untersuchte dabei die Ambitionen Frankreichs in der Europapolitik, mit welchen Strategien diese umgesetzt werden sollen und welche Rolle Deutschland als engster Partner bei deren Umsetzung spielt.

Emanuel Macron wurde im Jahr 2017 zum französischen Präsidenten gewählt. Die Europäische Union befand sich zu dieser Zeit bereits in einer kritischen Entwicklungsphase, in der mehrere Krisen parallel verliefen ("Polykrise"). Auch in Frankreich wuchs zunehmend die Europaskepsis. In diesem Kontext gewann Macron mit einer offensiven Europapolitik die Wahl: Er trat und tritt immer noch für eine aktive Integration innerhalb der EU ein. Er entwickelte einen Fahrplan inklusive Reformvorschlägen für Schlüsselbereiche innerhalb der Politik. Laut Joachim Schild sind Macrons primäre Ziele zum einen „ein Europa, das schützt“, und zum anderen eine Stärkung der europäischen Souveränität. Mit erfolgreichen Reformen im Inland und mit Deutschland als zentralen Partner auf internationaler Ebene soll eine Vereinigung Europas wieder erreicht werden. Die Antwort der Bundesregierung auf Macron folgte bereits durch den neuen Koalitionsvertrag. Aus historischer Perspektive sind dabei besonders die Pläne zur Erneuerung des Elysée-Vertrages hervorzuheben. Neben gemeinsamen deutsch-französischen Interessen kristallisierte Schild auch Unterschiede bei den angestrebten Zielen heraus. Große Bedenken seitens der Bundesrepublik gibt es vor allem bei der Bereitschaft, militärische Risiken zu übernehmen. Gleichzeitig hat sich während der Ausführungen von Joachim Schild gezeigt, dass Emmanuel Macron für Deutschland ebenfalls ein wichtiger Partner ist. Aus deutscher Sicht wird Macron sowohl als Chance als auch als Herausforderung angesehen. Hier muss eine Balance gefunden werden: Einerseits muss die Bundesrepublik ihre Interessen wahren, andererseits soll sie Frankreich unterstützend zur Seite stehen.

In der abschließenden und sehr angeregten Diskussion ging es u.a. um die Ausgestaltung der zukünftigen europäischen Finanzpolitik.

Saskia Lennartz

Eröffnungsvorlesung Dr. Gaëlle Crenn, 18.04.18

 

Museen als Geburtsstätten eines europäischen Kulturerbes? Dr. Gaëlle Crenn (Université Lorraine): "Le rôle des musées dans la création d'un patrimoine culturel européen"

Museen sind Schmieden der Geschichte. In Ausstellungen bringen Kuratoren Geschichte erst in Form; mit der Wahl der Inhalte und Schwerpunkte eröffnen sie den Besuchern einen tradierten Einblick in die Vergangenheit.  Auf subtilere Weise tragen Museen auch zur Bildung einer kollektiven Identität bei. Gaëlle Crenn verdeutlichte neben der identitätsstiftenden Funktion der Museen auch deren Charakter als geschichtspolitisches Instrument: Je nach Regierungsinteresse fällt die Ausrichtung einer solchen Kulturinstitution unterschiedlich aus.
Während bislang kulturelle Einrichtungen vorrangig nationale Themenfelder bedienten, entstehen in den letzten Jahren transnationale bzw. europäische Projekte. So eröffnete in Brüssel im Jahr 2017 die Maison de l’histoire européenne. Aber wie kann eine europäische Museumskonzeption aussehen? Welche Themen bieten sich als Schwerpunkte für ein solches Vorhaben an? Diese Fragen stellte Gaëlle Crenn im Rahmen ihres Eröffnungsvortrags ihrer Gastdozentur ("Transkulturelle Kulturvermittlung"), die am Frankreichzentrum der Universität des Saarlandes angesiedelt ist.

Die Kulturwissenschaftlerin präsentierte zunächst Beispiele, die zeigen, wie eine konfliktreiche Vergangenheit museal als gemeinsame Erinnerung aufgearbeitet werden kann. Dabei richtete sie ihren Blick besonders auf das Mémorial de Verdun, das die Geschichte der Schlacht von Verdun während des Ersten Weltkrieges sowohl aus der deutschen als auch der französischen Perspektive beleuchtet.

Im zweiten praktischen Teil ging Gaëlle Crenn auf die Frage ein, welche modernen Ausstellungsmöglichkeiten Museen nutzen, um ihre identitätsstiftende Wirkung entfalten zu können. Als Beispiele führte sie das MUCEM in Marseille, das Musée Draï Eechelen in Luxemburg sowie das Musée du paysan romain in Bukarest auf, die sich allesamt mit Gesellschaftsgeschichte befassen. Der Fokus derartiger Museumskonzeptionen liegt auf dem Herausstellen von Gemeinsamkeiten und der Betonung eines Wir-Gefühls.

Gaëlle Crenn fragte weiter, wie sich ändernde Grenzen museal aufarbeiten lassen. Im Vordergrund standen hierbei vornehmlich Museen, in denen die französische Kolonialgeschichte aufgearbeitet und in denen der Sicht der Kolonien ebenfalls Raum zur Verfügung gestellt wird. Als Beispiel nannte sie das Musée de l’armée.

Die von Gaëlle Crenn ins Feld geführten Methoden und Konzeptionen bieten Anhaltspunkte darüber, wie ein europäisches Museum der Zukunft aussehen könnte.

Jasmin Nicklas

Historisches Quartett im Rathaus Saarbrücken, 16.04.18


Am Abend des 16. April debattierten im Festsaal des Rathauses St. Johann mit SR-Journalist Thomas Bimesdörfer, Prof. Dr. Dietmar Hüser (UdS), Marianne Granz (Ministerin a. D.) und Prof. Dr. Clemens Pornschlegel (Ludwig-Maximilians-Universität München) im "Historischen Quartett" über "1968". Im Fokus der Diskussion standen die Fragen, wie das Jahr 1968 in Deutschland, in Frankreich und speziell im Saarland verlief, woraus sich der Protest speiste und was von den Ideen der 68er-Bewegung heute bleibt.
Marianne Granz berichtete aus der Zeitzeugenperspektive über die Ereignisse in Saarbrücken und betonte, dass die Saarbrücker Studentenschaft zwar "relativ brav" doch keinesfalls unpolitisch gewesen sei. Vor allem die gelebte Streitkultur habe sich, so die ehemalige Kultusministerin, auch nachhaltig positiv auf das politische und gesellschaftliche Leben nach 1968 ausgewirkt. Clemens Pornschlegel vertrat die streitbare Position, dass die anhaltende Wirkung der "68er" eher in einem verstärkten Massenkonsum zu finden sei, als dass sie die Parolen ihrer Flugblätter und Plakate eingelöst hätten. Dietmar Hüser hingegen betonte die transnationalen Bezüge dieser Protestbewegung und kennzeichnete sie als Phase der "Aufarbeitung des Vorhandenen", bei der es zu einer außergewöhnlichen Verdichtung gekommen sei und deren politische Dimension nicht negiert werden dürfe. Zwar waren die unterschiedlichen Bewegungen in nationale Strukturen und Zielsetzungen eingebunden, doch dürften die nationalen und transnationalen Aspekte der "68er" nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ganz im Gegenteil, so Hüser, vergesse das vorherrschende Paradigma der kulturellen Amerikanisierung oft innereuropäische Transfers, die die heutige Forschung stärker in den Blick nehmen müsse.
Bei dem "Historischen Quartett" handelt es sich um eine regelmäßig stattfindende Gemeinschaftsveranstaltung der Landeshauptstadt Saarbrücken (Stadtarchiv), der Landeszentrale für politische Bildung, des Historischen Vereins für die Saargegend und des Saarländischen Rundfunks.
Die Stimmen zu den Statements bietet die SR 2-Zusammenfassung des "Historischen Quartetts" vom 16. April 2018 unter folgendem Link:
http://www.sr.de/sr/sr2/themen/kultur/20180417_rueckblick_1968_historisches_quartett100.html
Die komplette Diskussion wird am 4. Mai 2018 auf SR 2 KulturRadio in der Sendereihe "Diskurs" ausgestrahlt.

Melanie Bardian

Vortrag von Dr. Ansbert Baumann, 16.04.18


Gemeinhin wird dem Sport eine integrative Wirkung zugesprochen. Ebenso scheint klar zu sein, dass die bundesdeutsche Industrie in den Jahren des Wirtschaftswunders zusätzliche Arbeitskräfte benötigte, die im Ausland über Anwerbeabkommen rekrutiert wurden. Und auch, dass es die damalige Politik versäumt hat, integrationspolitische Maßnahmen zu ergreifen.

Unter dem Titel "Auswärtsspiel? Wie die Integration der 'Gastarbeiter' trotz dem Fußball gelang" legte Dr. Ansbert Baumann von der Universität des Saarlandes zunächst dar, inwiefern diese gesellschaftlichen Narrative größtenteils unzutreffend sind: So beruhten die zwischen 1955 und 1968 abgeschlossenen Anwerbeabkommen der Bundesrepublik allesamt auf Initiativen der Entsendestaaten. In den 1960er Jahren gab es zudem eine differenziert geführte politische Diskussion über die Möglichkeiten zur Integration der Arbeitsmigranten, die allerdings mit Verkündung des Anwerbestopps 1973 abrupt beendet wurde. Auch die integrative Kraft des Fußballs lässt sich in Frage stellen, wenn man die Berichterstattung über monoethnische "Ausländervereine" verfolgt. Solche Clubs wurden bereits Anfang der 1960er Jahre von "Gastarbeitern" ins Leben gerufen, als Folgen von fehlenden Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung und ausgrenzenden Statuten des DFB. Allerdings bemühten sich der DFB und die bundesdeutsche Sportpolitik seit Mitte der 1960er darum, diese ausländischen Organisationsstrukturen zu integrieren. Es zeigte sich aber, dass dies von den Entsendestaaten nicht erwünscht war.

Baumann attestierte dem Fußball zunächst eine abgrenzende Wirkung, die allerdings längerfristig zu wichtigen integrativen Effekten führte. Entscheidend hierfür waren, so Baumann, der allgemeine "Wohlfühlfaktor" der Migranten in ihrem neuen Umfeld, zu dem der Fußball maßgeblich beitrug. Vor allem aber festigte der Fußball das Selbstbewusstsein der Migranten, in deren Augen der Fußball weit mehr war als eine reine Freizeitbeschäftigung – es ging auch um Disziplinierung und Einbindung. Es handelte sich also um eine von ihnen selbst ausgehende Integrationsmaßnahme. Die Migranten waren nicht mehr "nur" Arbeitskräfte, sondern Repräsentanten einer von anderen respektierten Gemeinschaft. In diesem Sinn stellte Baumann, in Anlehnung an das bekannte Zitat von Max Frisch fest: "Wir hatten Arbeitskräfte und stellen fest, es sind Fußballer!"

Ansbert Baumann, Melanie Bardian,
Saskia Lennartz, Felicitas Offergeld

Vortrag von Dr. Eileen Keller im Stadtarchiv Saarbrücken, 12.04.18


Im Saarbrücker Stadtarchiv wurde am 12.04.2018 die Ausstellung "Französische Wochen in Saarbrücken und im Saarland" eröffnet. Die kleine, aber feine Ausstellung wird bis Ende Juni wöchentlich wissenschaftlich von einer Vortragsreihe zu aktuellen, deutsch-französischen Themen begleitet. Den Auftakt gestaltete Dr. Eileen Keller vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg mit ihrem Vortrag unter dem Titel "Politisches System und politische Kultur in Frankreich: auf dem Weg zu neuen Konturen?" Die Sozial- und Politikwissenschaftlerin ordnete den Wahlsieg Emmanuel Macrons aus dem Mai 2017 und seine seitherige Politik in die französische Politik insgesamt ein und gab damit eine erste Einschätzung zu den jüngsten Ereignissen in Frankreich ab. Sie machte dabei zunächst deutlich, dass etwa die zentrale Rolle des Präsidenten typisch ist für die französische Politiklandschaft oder auch dass sich das Parteiensystem im Vergleich zu Deutschland viel mehr im stetigen Wandel befindet. Beides wird durch das Auftreten von Macron bestätigt: Er präsentiert sich selbst als "Heilsbringer" und seine junge Bewegung "En Marche" hat die anderen Parteien und Gruppierungen derart durcheinandergewirbelt, dass beispielsweise die Zukunft der Sozialisten nun völlig offen ist. Als typisch für die politische Kultur Frankreichs beschrieb Keller unter anderem auch die hohe Erwartungshaltung vieler Franzosen an einen starken Staat. Dem begegnet der neue Präsident mit einer großen Fülle an Reformen, die er in überdurchschnittlich hoher Geschwindigkeit anstieß. Die zuletzt in der französischen Bevölkerung gewachsene Skepsis gegenüber Europa und der EU konnte Macron zudem zumindest ein wenig abfangen. Dr. Eileen Keller schloss ihren Vortrag mit einem kleinen Ausblick in die Zukunft, indem sie sich die Frage stellte, wie sich Macrons Politik auf die zukünftigen Präsidentschaftswahlen auswirken könnte.

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Exkursion nach Detmold und Dortmund, 25. bis 27. März 2018


Der Lehrstuhl für Europäische Zeitgeschichte unternahm vom 25.03. bis zum 27.03.2018 eine Exkursion nach Detmold und Dortmund, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Ziel dieser Exkursion war es, einen tieferen Einblick in einen der zentralen Forschungsschwerpunkte des Lehrstuhls zu geben. Seit Februar 2017 bearbeitet Dr. Ansbert Baumann als Wissenschaftlicher Mitarbeiter das DFG-Projekt "Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen, die Fußball spielten – Sport, Immigration und Integration im Frankreich und Westdeutschland der langen 1960er Jahre".
Zunächst wurde die Stadt Detmold besucht. Sie ist die ehemalige Residenzstadt der Grafen und Fürsten zu Lippe. Der Besuch einer Fußballgolf-Anlage ermöglichte eine Einführung in die eigentliche Thematik der Exkursion in einem lockeren sportlichen Rahmen. Danach gestaltete Jürgen Dierkes unter dem Titel "Die 'Residenz' im Glanz vergangener Zeiten" einen historischen Stadtrundgang durch das abendliche Detmold.
Der zweite Tag begann mit einer kurzen Besichtigung des Hermannsdenkmals. Danach ging es zu dem zweiten Exkursionsziel, nach Dortmund. Als Teil des Ruhrgebietes hat die Stadt eine umfangreiche Migrationsgeschichte vorzuweisen. Zunächst wurde mit dem Signal-Iduna-Park das größte Stadion der Bundesrepublik besucht. Bei einer Stadiontour wurden u.a. die Südtribüne, die Heimkabine und der Spielertunnel besichtigt. Außerdem gab es die Möglichkeit, die Trainerbank aus einer ganz neuen Perspektive kennenzulernen. Nach einer kurzen Pause ging es weiter zum Borsigplatz, wo Borussia Dortmund nach einem großen Erfolg gemeinsam mit seinen Fans feiert. In einem nahegelegenen Café wurde anschließend ein Fußball- und Migrationsgeschichtsquiz veranstaltet.
Mit einem Besuch inklusive Führung durch das Deutsche Fußballmuseum startete der letzte Exkursionstag. Das Museum bietet wiederum eine zentrale Anlaufstelle für die Exkursion, da der Migration einen eigenen Teilbereich seiner Dauerausstellung gewidmet ist. Bevor die Rückfahrt nach Saarbrücken angetreten wurde, hielt Ansbert Baumann einen Vortrag zu "Auswärtsspiel - oder warum die Integration der Arbeitsmigranten trotz dem Fußball geklappt hat…" Hierbei stellte er erste Ergebnisse seines laufenden Forschungsprojektes am Lehrstuhl für Europäische Zeitgeschichte vor.

Saskia Lennartz