2019: Transkulturalität in Literatur und Film
Thema
Perspektiven der Lehre und Forschung
Transkulturalität ist die Bezeichnung eines dynamischen Prozesses, einer besonderen Funktion und Qualität von kulturellen Produkten, die sich quer zu monokulturellen Traditionen bewegen und sich aus mehreren Bezügen gleichzeitig konstituieren.
Literatur und Film spielen zweifellos eine besondere, stark wahrgenommene Rolle bei der Konstitution und Vermittlung von "kulturellem Erbe". Kanonbildung, eine relativ weite Verbreitung beim Publikum und die Aufnahme in Bildungsprogramme stellen bei diesem Vermittlungsprozess wichtige Faktoren dar.
Bei kreativen Vorgängen in Literatur und Film handelt es sich um Bewegungen und Praktiken, die "ein ständiges Springen zwischen den Kulturen" (Ottmar Ette) oder auch das Überlagern und Verweben kultureller Bezüge ermöglichen. Perspektivwechsel und Flexibilität sind in solchen Gestaltungs- und Rezeptionsprozessen unabdingbar; der Kommunikation kommt hierbei eine wesentliche Aufgabe zu.
Im Rahmen der Gastdozentur von Dr. Myriam Geiser soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern aktuelle transkulturelle Filme und Prosawerke die Dynamik eines kulturellen Paradigmenwechsels antizipieren, indem sie eine Rezeption voraussetzen, die territoriale und ideologische Identitäts- und Zugehörigkeitskonzepte überwindet. Entstehen durch die bewusste Gestaltung multipler Bezüge in den Werken neue Wahrnehmungsgewohnheiten? Lassen sich beim Vergleich zweier kultureller Räume mit unterschiedlicher Migrationsgeschichte Typologien spezifischer ästhetischer Verfahren erstellen? Kann sich im Laufe umfassender transkultureller Prozesse die Auffassung von Kultur grundlegend verändern?
Eröffnungsvorlesung der Gastdozentin Dr. Myriam Geiser
Transkulturalität als ästhetische Kategorie in deutsch-französischer Perspektive
Dienstag, 29. Oktober 2019, 18.00 Uhr, Villa Europa, Kohlweg 7, 66123 Saarbrücken
Wenn man Transkulturalität als ästhetisches Phänomen betrachtet, zeigen sich häufig Zusammenhänge zwischen biografischen Erfahrungen und künstlerischer Kreativität. Das Erleben von Kulturkontakten und Mehrsprachigkeit in den zunehmend "gemischten" Gesellschaften des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts führt zu neuen Ausdrucksformen in der Kunst. In vielen Werken lassen sich Verfahren kultureller Métissage beobachten, zu deren Beschreibung neue Begriffe verwendet werden.
Transkulturalität ist keine grundsätzlich neue ästhetische Entwicklung, da es in Literatur, Theater, Film, Musik und bildender Kunst immer schon Tendenzen zu Grenzüberschreitungen gegeben hat. Der Begriff bezeichnet vielmehr einen Paradigmenwechsel gegenüber der seit dem 19. Jahrhundert dominierenden nationalen Betrachtung von Kunst. Mit dem postkolonialen Zeitalter und den Einwanderungsprozessen seit Mitte des 20. Jahrhunderts ändert sich die Perspektive. Neue Vorstellungen von Identität und Zugehörigkeit entstehen und verändern auch die Wahrnehmung künstlerischer Praxis.
Im Vortrag soll anhand einiger Beispiele aus Literatur und Film erläutert werden, welche transkulturellen Entwicklungen in Frankreich und Deutschland in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben - und wie sie im jeweiligen Land, aber auch in der gegenseitigen deutsch-französischen Rezeption, wahrgenommen werden.
Lehrveranstaltungen
Datum: donnerstags, 17.10.19 bis 06.02.20, 14-16 Uhr
Ort: Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken, Frankreichzentrum, Geb. A4 2, R. 2.11.1
LSF-Nummer: 119185
Der Film- und Kulturkritiker Georg Seeßlen hat als einer der ersten "Métissage"-Phänomene im Film beschrieben und meinte damit hybride Ausdrucksformen der "doppelten Kulturen", die er im europäischen Gegenwartskino etwa seit den 1980er Jahren beobachtet hat. Viele deutsche und französische Filme, deren Form und Inhalt vom Kontext der Migration geprägt sind, siedeln ihre Geschichten in urbanen Räumen an, in denen plurikulturelle Erfahrungen auf spezifische Weise kulminieren und zum Ausdruck kommen. Dadurch ist eine transkulturelle Stadtästhetik entstanden, die sich im Werk zahlreicher FilmautorInnen wahrnemen lässt: im deutschsprachigen Kontext etwa bei Fatih Akin, Thomas Arslan, Feo Aladag, Züli Aladag, Detlev Buck u. a.; in Frankreich wären Mathieu Kassovitz, Mehdi Charef, Claire Denis, Philippe Faucon, Rachid Djaïdani und Houda Benyamina zu nennen. Im Seminar sollen filmische Einzelanalysen ebenso im Blickpunkt stehen wie die vergleichende Analyse thematischer Schwerpunkte und narrativer Tendenzen des urbanen Métissage-Kinos.
Unterrichtssprache: Deutsch
Datum: donnerstags, 17.10.19 bis 06.02.20, 10-12 Uhr
Ort: Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken, Frankreichzentrum, Geb. A4 2, R. 2.11.1
LSF-Nummer: 119186
Als Romane der Postmigration können Werke von AutorInnen mit "Migrationshintergrund" betrachtet werden, die in einem Kontext von Mehrsprachigkeit und kultureller Métissage entstehen. Gemeint sind Schreibsituationen, in denen die Einwanderung der Eltern (oder eines Elternteils) noch einen Einfluss auf die Wahrnehmung und das Selbstverständnis der AutorInnen hat, in denen sich aber zugleich neue transkulturelle Prozesse vollziehen. In der deutschen und französischen Gegenwartsliteratur sind in der Periode zwischen 1980 und 2010 zahlreiche Werke deutsch-türkischer und franko-maghrebinischer AutorInnen erschienen, die zu neuen Gattungsbezeichnungen geführt und spezifische ästhetische Verfahren ins Zentrum des Interesses gerückt haben. Im Seminar sollen anhand ausgewählter Romane die besonderen Produktions- und Rezeptionsbedingungen der Postmigration reflektiert sowie charakteristische narrative Strategien vergleichend betrachtet werden.
Unterrichtssprache: Deutsch
Werkauswahl:
Mehdi Charef: Le Thé au harem d'Archi Ahmed (1983), Azouz Begag: Le Gone du Chaâba (1986), Nina Bouraoui: La voyeuse interdite (1991), Faïza Guène: Kiffe kiffe demain (2004);
Feridun Zaimoglu: Abschaum - Die wahre Geschichte von Ertan Ongun (1997), Zafer Senocak: Gefährliche Verwandtschaft (1998), Yadé Kara: Selam Berlin (2003), Dilek Güngör: Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter (2007)
Datum: mittwochs, 16.10.19 bis 05.02.20, 12-14 Uhr
Ort: Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken, Frankreichzentrum, Geb. A4 2, R. 2.11.1
LSF-Nummer: 119187
In transkultureller Literatur kommt der Konstruktion und Inszenierung von Identität besondere Aufmerksamkeit zu. Zahlreiche Romane und Erzählungen der deutschen und französischen Gegenwartsliteratur spielen mit Figuren des Ich-Erzählers und mit den Gattungen der Autofiktion oder des autobiografischen Erzählens. Besonders spannend wird das Spiel mit Identitäten im Kontext von Migration und transkulturellen Biografien, da hier häufig Fragen der Zugehörigkeit und der eigenen Verortung verhandelt werden. Anhand ausgewählter Werke sollen in diesem Seminar verschiedene narrative Strategien verglichen werden, die sich in transkultureller Gegenwartsprosa in deutscher und französischer Sprache beobachten lassen. Dabei sollen auch methodische Verfahren der Erzählertheorie erprobt werden, die sich zur Analyse der spezifischen Erzählsituationen und Erzählperspektiven besonders eignen.
Unterrichtssprache: Französisch
Behandelte Werke:
Nina Bouraoui: Garçon manqué (2000), Paul Smail: Vivre me tue (1997), Emine Sevgi Özdamar: Mutterzunge (1990), Abbas Khider: Der falsche Inder (2008)
Zeit: Dienstag, 14.01.2020, 18.30 Uhr
Ort: Kino 8 1/2, Nauwieserstr. 19, 66111 Saarbrücken
Zum Abschluss ihres Gastsemesters bietet Frau Dr. Myriam Geiser einen öffentlichen Filmabend an, der im Zusammenhang mit ihrer Lehrveranstaltung "Urbane Räume der Métissage - die Stadt im transkulturellen Film" steht. Es werden zwei aktuelle Dokumentarfilme vorgestellt, die sich jeweils mit dem Thema Migration in einer französischen und in einer deutschen Stadt auseinandersetzen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Stadtlandschaften hier in ihrer transkulturellen Dynamik inszeniert werden. Gezeigt werden die Filme Lignes de partage / Gratlinien von Thierry Mennessier (Grenoble) und Heimspiel von Mario di Carlo (Mannheim). Die beiden Regisseure werden zum Filmgespräch anwesend sein. Im Anschluss an die Vorführung ist das Publikum herzlich zu einem Umtrunk eingeladen.
Gastdozentin: Dr. Myriam Geiser
Vita
- 1997: Magister Artium, Deutsche Philologie und Romanistik, Universität Mannheim
- 1998: Lehrbeauftragte im Bereich Neuere Literaturwissenschaft am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Mannheim
- 1998-2001: Lektorin der Robert Bosch Stiftung und des DAAD an den Universitäten Vilnius und Vytautas Magnus in Kaunas (Litauen)
- 2002-2008: Lektorin des DAAD am Institut für Germanistik der Universität Stendhal-Grenoble 3
- 2010: binationale deutsch-französische Promotion, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz-Germersheim und Aix-Marseille Université, Aix-en-Provence
- seit 2014: Dozentin (Maîtresse de conférences) am Institut für Germanistik der Université Grenoble Alpes (UGA) mit den Schwerpunkten Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Interkulturelle Studien in Forschung und Lehre ("Espaces germanophones: Etudes interculturelles"); Mitglied im Forschungszentrum ILCEA4 (Institut des langues et cultures d'Europe, Amérique, Afrique, Asie et Australie)
Forschungsschwerpunkte und Forschungsprojekte
- Transkulturalität und Kulturübersetzung
- Migration und Literatur in Europa seit 1945
- Gegenwartsliteratur und Film, Neue Weltliteratur
- Identitätskonzepte, Métissage, Mehrsprachigkeit
- Raumkonzepte und Border studies
- Literaturtheorie, Rezeption und Literaturgeschichtsschreibung
