VirtuelleRealitäten

"Virtuelle Realitäten"

Ein individueller Eskapismus liegt wahrscheinlich fast jeder Rezeptionserfahrung inne — vom die 'Einbildungskraft' reizenden Eintauchen in Roman- und Filmwelten über das synästhetische Erleben des sich 'auflösenden' Raums in der manieristischen Architektur bis schließlich zur interaktiven Immersion in Video Games.

Und gerade durch Digitalisierung und Internet scheinen sich die Möglichkeiten virtueller Wirklichkeiten zu potenzieren: Mit der Erstellung von persönlichen Avataren auf Social Media-Plattformen oder in Multiplayer-Spielen können Stellvertreterfiguren erschaffen werden, und in der Kommunikation über Kontinente und Zeitzonen hinweg lässt sich (etwa mit "Second Life") in einem schier unendlichen Metaversum interagieren.

Der Themenschwerpunkt "Virtuelle Realitäten" widmet sich 2022/23 aus medienkulturwissenschaftlicher Perspektive und in Lehrveranstaltungen, Vorträgen und Workshops aktuellen Fragen von Künstlicher Intelligenz und Künstlerischer Kreativität, nimmt neue Verfahren des Schreibens oder der Krypto-Kunst in den Blick, und stellt (in einem Praxisseminar im SoSe 2023) Theorien und Methoden der 'Digitalen Kulturwissenschaften' vor.

Workshop "und das ist jetzt unsere Wirklichkeit" (04./05. Oktober 2022)

Literatur-, kultur- und medienwissenschaftliche Perspektiven auf Juan S. Guses "Miami Punk" (2019)

Juan S. Guses 2019 erschienener Roman Miami Punk — eine postmoderne (oder besser: popmoderne) Dystopie, die über den Mikrokosmos Miami hinaus einen enzyklopädischen Verweiskosmos eröffnet — fordert zu unterschiedlichen Deutungsansätzen heraus, und soll daher in einem interdisziplinären Workshop unter verschiedenen theoretisch-methodischen Zugängen diskutiert werden: Mit Blick auf Postkapitalismus und Anthropozän, Sprache und Gender, sowie durch Narratologie und Diskursanalyse, Game Studies und Medienwissenschaft.

Organisation: Jonas Nesselhauf (Universität des Saarlandes) & Steffen Röhrs (Leibniz Universität Hannover)

Programm

4. Oktober 2022

10:00 UhrBegrüßung und Einführung
10:30 Uhr–13:00 Uhr

Panel 1: "Alles ist voller Zeichen" (Narrative und semiotische Strategien/Verfahren)

Input-Vorträge von Stephanie Blum (Saarbrücken), Philipp Ohnesorge (Greifswald), Steffen Röhrs (Hannover)

14:30–17:00 Uhr

Panel 2: "Wir werden nicht hier leben müssen" (Themen und Diskurse)

Input-Vorträge von Nicole Mattern (Koblenz), Dustin Matthes (Greifswald), Jonas Nesselhauf (Saarbrücken)

20:00 Uhr

Lesung im Saarländischen Künstlerhaus

 

5. Oktober 2022

10:00–12:30 Uhr

Panel 3: "Die Welt auf dem Server" (Game-Ästhetiken)

Input-Vorträge von Nils Gelker (Hannover), Jasmin Pfeiffer (Würzburg), Felix Schniz (Klagenfurt)

 

Anmeldung

Der Workshop findet auf dem Campus der Universität des Saarlandes in Hybrid statt.

Bitte melden Sie sich für eine Online- oder Präsenz-Teilnahme per E-Mail an: jonas.nesselhauf[at]uni-saarland.de

Juan S. Guse: "Miami Punk"

Lesung im Saarländischen Künstlerhaus

Miami im US-Bundesstaat Florida in einer nicht allzufernen Zukunft: Über Nacht zieht sich plötzlich der Atlantik zurück, die Region leidet unter einer unerklärlichen Alligatorenplage, es kursieren Gerüchte über Todesschwadronen und Videospielfiguren führen ein unerwartetes Eigenleben: Mit seinem von den Feuilletons vielbeachteten zweiten Roman Miami Punk (2019) erschafft der Schriftsteller Juan S. Guse eine faszinierende und gleichsam irritierende Fiktion der USA im 21. Jahrhundert zwischen Klimawandel, Fake News und Postkapitalismus, Migration und virtuellen Welten.

Denn auch der Roman selbst ist äußerst rätselhaft: Mit seiner enzyklopädischen Komplexität, der teils rhizomatischen Struktur sowie einer Reihe von 'flankierenden' Texten und Medien scheint sich die gesellschaftliche Fragmentierung von Gewissheiten auch in der Erzählweise zu spiegeln.

Miami Punk wurde vom Feuilleton als "multiperspektivisches Literatur-Großprojekt" (Süddeutsche Zeitung) und "eines der ungewöhnlichsten Bücher zurzeit" (Deutschlandfunk) gelobt — und dürfte an Aktualität wohl kaum zu überbieten sein.

Weitere Informationen zur Lesung auf der Website des "Saarländischen Künstlerhaus"

"Künstliche Schöpfung, Künstliche Intelligenz — Künstliche Kreativität?"

Seminar im Wintersemester 2022/23

Der Traum vom 'künstlichen Menschen' ist wohl so alt wie die Kulturgeschichte selbst: Vom antiken Pygmalion-Mythos über mittelalterliche Figuren des "Golem" und "Homunkulus" bis hin zur legendären Maschinenfrau Maria in Thea von Harbous und Fritz Langs Metropolis (1927) lassen sich die unterschiedlichsten Phantasien in den europäischen Literaturen und Künsten finden — immer wieder aber auch tatsächliche (mechanisch-technische) Versuche der 'künstlichen Schöpfung'.

Nach der Robotik im 20. Jahrhundert sind es nun vor allem Fortschritte im Bereich der KI, mit denen die menschliche Intelligenz (speziell Wissens-, Lern- und Entscheidungsstrukturen) 'künstlich' durch Programmierungen und Algorithmen nachgebildet werden. Diese sich abzeichnenden, aber in ihren Konsequenzen auch bereits konkret spürbaren Entwicklungen befördern nicht nur ganz zwangsläufig neue ethische Fragen, sondern bringen auch kritische Reflektionen hervor, sei es durch die Cultural Studies oder das 'Wissen' der Künste und Literaturen. Umgekehrt versuchen Algorithmen zumindest anthropozentrische Vorstellungen von Ästhetik nachzuahmen, indem sie unfertige Symphonien 'vollenden', Bilder malen oder aus einem Textkorpus heraus Drehbücher und Gedichte schreiben.

Das Seminar nimmt sich diesem Spannungsverhältnis zwischen 'Mensch' und 'Maschine' an, spürt in medienkulturwissenschaftlicher Perspektive den künstlerischen, literarischen oder filmischen Entwürfen nach und blickt abschließend auf die Potentiale und Limitierungen einer 'künstlichen' Kreativität.

"Me, Myself, and I: Self-Representations from the Narcissus Myth to the Selfie"

Online-Seminar, Interdisciplinary "EurIdentity Certificate"

When painters from the European Renaissance onward self-consciously signed their own works and even depicted themselves on canvas, this occurred as a result of a changed understanding of artisthood, authorship—and identity. Hence, the artistic self-portrait became a central genre of European painting since the 15th century, and thus in a sense forms the precursor of the omni-present ‘selfies’ in early 21st century social media.

Starting with the ancient myth of Narcissus, this online-seminar will focus on a media cultural history of self-portrayals, both retracing historical lines of tradition as well as asking about the relevance of selfies in today’s pop culture against the background of gender, diversity and a ‘culture-industrial’ pseudo-individualism.

The "EurIdentity Certificate" is a cooperation between the TU Kaiserslautern, the Université de Lorraine, the Université du Luxembourg, the Universität des Saarlandes, the Universität Trier, the Université de Liège and the htw saar within the "Universität der Großregion"/"Université de Grande Région" network.

More information can be found online: www.uni-saarland.de/einrichtung/ceus/europastudium/eurid.html