Wien - St. Petersburg. Die Korrespondenz zwischen Valentin Jamerey-Duval und Anastasia Socoloff (1762-1775)

Projektbeschreibung

Leiter*innen: Univ.-Professor Dr. Hans-Jürgen Lüsebrink (Universität des Saarlandes, Saarbrücken) und Univ.-Professorin Dr. Angelina VACHEVA (St.-Kliment-Ohridski- Universität Sofia, Bulgarien)

Projektmitarbeiter: Florian Lisson, M. A. (Wissenschaftliche Hilfskraft)

Förderung durch die Gerda-Henkel-Stiftung (2020-22). Förderung der Mobilität der beiden Projektleiter*innen (Projektsitzungen an der Universität des Saarlandes und der Universität Sofia) sowie der Digitalisierungsmaßnahmen durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), im Rahmen des vom DAAD geförderten Programms "Ostpartnerschaften" der Universität des Saarlandes.

Das Forschungsprojekt zielt auf die wissenschaftliche Aufarbeitung, in Form einer kritischen Textedition und einer historischen Analyse (in Gestalt eines umfangreichen Vorwortes und mehrerer wiss. Aufsätze), eines zentralen und bisher in der Forschung kaum gewürdigten Werks der russisch-(west-)europäischen Kulturbeziehungen im Aufklärungszeitalter: der Korrespondenz (1762-1774) zwischen dem am Wiener Kaiserhof als Bibliothekar und Leiter des kaiserlichen Münzkabinetts tätigen Gelehrten Valentin Jamerey-Duval (1695-1775) und Anastasia Socoloff (1741-1822), Hofdame am Hof Kaiserin Katherinas II. von Russland. Die knapp 130 Briefe umfassende Korrespondenz wurde 1784 in französischer Sprache in St. Petersburg und Strasbourg und im Jahre 1794 in deutscher Übersetzung in Nürnberg publiziert und seitdem nicht wieder aufgelegt. Die Originalbriefe Valentin Jamerey-Duvals (insgesamt 127 Briefe auf 297 Manuskript-Folioseiten) konnten von den Antragstellern ausfindig gemacht und vollständig fotografiert werden. Dies erlaubt, die auf Initiative Kaiserin Katharinas II. im Sinne ihrer außenpolitischen Zielsetzungen vorgenommenen, zum Teil einschneidenden Veränderungen an den Originalen präzise nachzuvollziehen und in der kritischen Textedition zu dokumentieren. Eine kritische kommentierte Textedition der Korrespondenz (Umfang: ca. 300 Druckseiten), die hiermit verbundene wissenschaftliche Analyse (in Form einer Einleitung im Umfang von 80 Druckseiten) und die vorgesehene Veröffentlichung in französischer und deutscher Sprache sind aus folgenden Gründen wissenschaftlich von herausragendem Interesse:

  1. Die Korrespondenz zwischen Valentin Jamerey-Duval und Anastasia Socoloff stellt ein herausragendes Dokument für den russisch-westeuropäischen Kulturtransfer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar. In vielen Bereichen präziser und ein breiteres Spektrum an Themen umfassend als die bekannte und in einer kritischen Textedition vorliegende Korrespondenz zwischen Voltaire und Katharina II., wird eine große Bandbreite von Themen angesprochen, die insbesondere die Innen-, Außen- und Kulturpolitik der russischen Zarin Katharina II., des französischen Königs Ludwigs XV. und der deutsch-römischen Kaiserin Maria Theresia betreffen: so der Russisch-Osmanische Krieg 1768-1774; die von aufgeklärten Zielsetzungen bestimmte Verfassungs-, Innen-, Bildungs- und Kulturpolitik Kaiserin Katharinas II; das Image Russlands im Westen und sein Wandel seit Kaiser Peter I.; die Formen des Kulturtransfers zwischen dem Westen (insbesondere Frankreich) und Russland vor allem im Bereich von Literatur, Kunst, Musik und Theater; die Außenpolitik Kaiserin Maria Theresias; und die Innen- und Außenpolitik des französischen Hofes, die von Jamerey-Duval in seinen Briefen scharf kritisiert wird, wobei – wie erste Textvergleiche gezeigt haben – gerade diese frankreichkritischen Dimensionen der Korrespondenz von der russischen Zensur vor der Drucklegung gestrichen wurden.
  2. Zweitens zeigt die Korrespondenz wie in einem Brennglas die sich herausbildenden Formen des russischen Hegemonialanspruchs in Osteuropa sowie im Schwarzmeer- und östlichen Mittelmeerraum und die hiermit verbundenen Formen der Machtlegitimation auf. Sie weisen trotz ihrer spezifischen historischen Prägung auf das russische Hegemonialstreben des 19. und 20. Jahrhunderts voraus. Der Dialog zwischen den beiden Briefpartnern beleuchtet gleichfalls die Rolle der anderen europäischen Mächte sowie des Osmanischen Reiches innerhalb dieser neuen Machtkonstellation, die durch den Aufstieg Russlands zu einer europäischen Großmacht entstanden war.
  3. Die erst 1784 erstmals veröffentlichte Korrespondenz zwischen V. Jamerey-Duval und Anastasia Socoloff, die durchaus auch sehr private und intime Züge trägt (die einer sentimentalen Beziehung, die mit einem persönlichen Treffen zwischen den beiden Briefpartnern im Wiener Schauspielhaus 1762 begann), weist zum einen sowohl eine von politisch-diplomatischen Interessen bestimmte als auch eine kritisch-philosophische Dimension auf. Die politisch-diplomatische Dimension wurde durch die Tatsache bestimmt, dass Anastasia Socoloff eine enge Vertraute Kaiserin Katharinas II. von Rußland war, die deren Beziehungen zu Jamerey-Duval für ihre politischen Ziele zu nutzen wusste. Es ist belegt, dass die Briefe der beiden Korrespondenten an beiden Kaiserhöfen vorgelesen und diskutiert wurden; und dass Katharina II. für ihre Veröffentlichung den in Strasbourg geborenen und in ihren Diensten stehenden Geheimrat Frédéric-Albert Koch als Vermittler einschaltete, der sie 1785 im Straßburger Verlagshaus Treuttel&Würtz veröffentlichen ließ und auch für die deutsche Übersetzung sorgte. Jamerey-Duval wiederum nahm am Wiener Kaiserhof eine Sonderstellung ein: hochgeschätzt, vor allem auch von Kaiserin Maria Theresia, die sich seine Memoiren und Briefe im engsten Kreis von ihm vorlesen ließ, bewahrte sich Jamerey-Duval, der als Bauernsohn und Autodidakt vom Schafhirten in der Champagne zum Geschichtsprofessor in Lunéville (Lothingen) und schließlich zum Bibliothekar und Verwalter des kaiserlichen Münzkabinetts in Wien eine beispiellose Karriere durchlaufen hatte, eine große soziale und intellektuelle Unabhängigkeit. Diese kommt auch in seinen Briefen an Anastasia Socoloff deutlich zum Ausdruck. Er war stolz darauf, in Kleidung und Auftreten völlig anders als die anderen Höflinge zu sein, betonte seine „plebejische“ Herkunft und übte in vielfacher Weise, in seinen posthum gleichfalls 1784 bzw. 1788 erschienenen Mémoires, aber auch in seinen Briefen an A. Socoloff, scharfe Kritik an Korruption, Machtmißbrauch, Luxus und höfischer Arroganz.
  4. Die Korrespondenz zwischen Jamerey-Duval und Anastasia Socoloff ist somit in einem komplexen, transkulturellen sozialen Netz von intellektuellen und höfischen Milieus sowie interkulturellen Vermittlerinstanzen verankert, die es im Rahmen der vorgesehenen Textedition und ihrer historischen Analyse aufarbeiten gilt. Es handelt sich hierbei zum einen um die Kaiserhöfe in Wien und St.-Petersburg, an denen beide Protagonisten ebenso zentrale wie in gewisser Hinsicht auch spezifische Außenseiter-Positionen einnahmen - Jamerey-Duval durch sein gezielt unterstrichenes Autodidakten- und Außenseitertum; Anastasia Socoloff durch ihre uneheliche Geburt – sie galt als illegitime Tochter des Fürsten Betzkoj, eines engen Vertrauten von Katharina II.; und zum anderen um die Verleger und Übersetzer der Correspondance in St-Petersburg, Strasbourg, Nürnberg und Regensburg, unter denen Frédéric-Albert Koch, das Verlagshaus Treuttel&Würtz, der deutsche Übersetzer Samuel Baur sowie der Schriftsteller Christoph Martin Wieland, der ursprünglich die Übersetzung des Briefwechsels ins Deutsche übernehmen wollte, als wichtige interkulturelle Vermittlerfiguren und -institutionen hervortreten.
 

Weitere Informationen

Projektbezogene Vortrags- und Lehrmaterialien

Vorträge (gehalten und zugesagt)

  • Hans-Jürgen Lüsebrink/Angelina Vacheva: " Transferts culturels et relations de pouvoir – La correspondance entre Valentin Jamerey-Duval et Anastasia Socoloff (1762-1774) à l'époque de l'impératrice Catherine II de Russie" Conférence (2021). Präsentation
  • Literaturverzeichnis

 

Projektbezogene Publikationen

Univ-Prof. Dr. Hans-Jürgen Lüsebrink

  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Mobilité sociale et expérience transculturelle. Correspondance et mémoires de Valentin Jamerey-Duval (1695-1775), savant et autodidacte emblématique.  In: Yves Frenette/Isabelle C. Monnin/Christine Nougaret (Hg.): Dans leurs propres mots: la mobilité dans les écrits personnels et les correspondances, XVIIe – XXe siècles. Winnipeg, Presses Universitaires de Saint-Boniface 2020, S. 31-45.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Cosmopolitisme subalterne et autodidaxie. Configurations européennes et constellations (post-)coloniales (XVIIIe-XXXIe siècles). In: Guillaume Bridet, Xavier Garnier, Sarga Moussa, Laetitia Zecchini (Hg.): Décentrer le cosmopolitisme. Enjeux politiques et sociaux dans la littérature. Dijon, Éditions Universitaires, Collection Écritures 2019, S. 21-35.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Faszinationsfigur Valentin Jamerey-Duval (1695-1775) – zum Verhältnis von plebejischer Lebenserfahrung, transkultureller Migration und autobiographischem Schreiben im Aufklärungszeitalter. In : Literatur leben, Festschrift für Ottmar Ette. Hg. von Albrecht Buschmann, Julian Drews, Tobias Kraft, Anne Kraume, Markus Messling und Gesine Müller. Frankfurt/Main, Vervuert-Iberoamericana 2016, S. 183-189.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Interkulturelle Kommunikation. Interaktion – Kulturtransfer – Fremdwahrnehmung. Stuttgart/Weimar, J.B. Metzler-Verlag 2005 (Metzler Studienbücher), 210 S.; 2., erweiterte und verb. Neuauflage 2008; 3. erweiterte und verb. Neuaufl. 2012, 240 S.; 4. verb. Neuauflage 2016, 236 S.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Les Œuvres de Valentin Jamerey-Duval : une édition strasbourgeoise à la croisée des cultures. In : Histoire et Civilisation du Livre, XI, 2015, S. 147-160.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Autodidakten im kulturanthropologischen Diskurs in Frankreich um 1800. Zur Sicht der Autodidaxie im Werk des französischen Kulturpolitikers und Kulturanthropologen Henri Grégoire (1750-1831). In : Holger Böning, Iwan-Michelangelo D’Aprile, Hanno Schmidt, Reinhart Siegert (Hg.) : Selbstlesen – Selbstdenken – Selbstschreiben. Prozesse der Selbstbildung von « Autodidakten » unter dem Einfluß von Aufklärung und Volksaufklärung vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Mit 600 Kurzbiographien von Autodidakten im deutschen Sprachraum bis 1850 und Verzeichnissen von Bauernbibliotheken. Bremen, edition lumière 2015 (Reihe Philanthropismus und populäre Aufklärung. Studien und Dokuemnte, Bd. 10), S. 359-374.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Kulturtransfer – neuere Forschungsansätze zu einem interdisziplinären Problemfeld der Kultur­wissenschaften. In: Helga Mitterbauer/Katharina Scherke (Hg.): Ent-grenzteume. KulturelleTransfersum1900undinderGegenwart. Wien, Passage-Verlag 2005 (Reihe „Studien zur Moderne“, Band 22) , S. 23-42.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: „Moi, né de laboureur, berger sans éducation, sans études, fils de moi-même“. Autodidaktische Akkulturation, Mentalitätswandel und literarische Wortergreifung im Frankreich der Frühen Neuzeit. In: Hans-Jürgen Bachorski/Werner Röcke (Hg.): Weltbildwandel.Selbstdeutungund Fremderfahrung imEpochenübergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit. Trier, Wissenschaftlicher Verlag 1995 (Reihe „LIR Literatur – Imagination – Realität“, Band 10), S. 203-222.
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen: Valentin Jamerey-Duval: Mémoires. Enfance et éducation d’un paysan au XVIIIe siècle. Introduction, notes et annexes par Jean-Marie Goulemot. Paris, Le Sycomore, 1981. In: Lendemains. Zeitschrift für Frankreichforschung und Französischstudium, 24, 1981, S. 137-14.

Prof. Angelina Vacheva (Universität Sofia, Bulgarien):

  • Vacheva, Angelina: Russkie i Russia v correspondentsii Valentina Jamerai-Duvalya i Anastasii Sokolovoi (1762–1774)(The Russians and Russia in the Correspondеnce between Valentin Jamerai-Duval and Anastasia Sokolova (1762–1774)). – In: Quaestio Rossica. 6, 4, 2018, S. 1110–1128.
  • Vacheva, Angelina: Chai, pusheni elenski ezitsi i haiver. Vkusnite ruski izkusheniyav pismata na Valentin Jamerai Duval i Anastasia Sokolova (Tea, Smoked Deer Tongues and Caviar. Delicious Russian Temptations in the Letters of Valentin Jamerai-Duval and Anastasia Sokolova). - In Dalgiyat XVIII vek 2. Nasladi i zabrani. Sofia, Balgarsko obshchestvo za prouchvane na XVIII vek 2018, S. 113–121. http://bulgc18.com/?page_id=738
  • Vacheva, Angelina: Filosofsko-sentimental’nyi dialog v perepiske Valentina Jameray-Duvalja I Anastasii Socolovoi (Philosophical-sentimental dialogue in the correspondence of Valentin Jameray-Duval and Ananstasia Socolova). In: Dar druzhestva i muz. Sbornik statei v chest’ Natal’I Dmitrievny Kochetkovoi.Vesiolova A.Yu, Diomin A.O. Eds. Moscow-St Petersburg, Alians-Archeo 2018, S. 99-109.
  • Vacheva, Angelina: Illyuzii “derevenskogo filosofa” o Rossii. Politika Ekateriny II 1760–kh gg. Glazami Valentina Jamerai Duvalya (1695–1775) (The Philosophe Champêtre’s Illusions About Russia: Catherine The Great’s Policies in 1760-s Through The Eyes Of Valentin Jameray Duval (1695 – 1775). In: Limes Slavicus 2. Kulturni kontsepti na slavyanstvoto. Shumen, Universitetsko izdatelstvo “Sv. Konstantin Preslavski” 2017, S. 323–339.
  • Vacheva, Angelina: Russia v dve frensko–ruski korespondentsii ot 60-te – 70-te godini na XVIII vek (Russia in Two Franco–Russian Correspondences from the 1760s to the 1770s). In: Interpretirame ruskata literatura. Sbornik v chest na 75–godishninata na professor dfn Petko Troev. Sofia, Fakultet po slavyanski philologii 2018, S. 9–23.
  • Vacheva, Angelina: Obraz Rossii v perepiske Valentina Jameray Duvalya i Anastasii Sokolovoi (The image of Russia in Correspondence of Valentin Jameray Duval and Anastasia Sokolova). In: Petra philologica: Professoru Petru Evgenievichu Bukharkinu ko dnyu shestidesyatiletiya. N. Gus’kov, E. Matveev, M. Ponomariova Eds. Saint Petersburg, Nestor-Istoria 2015, S. 534-545.