Unsere Forscher*innen im Porträt
In unserer Porträtreihe stellen wir Ihnen Wissenschaftler*innen aus dem CEUS-Netzwerk vor, geben Einblicke in die Vielfalt der Europaforschung an der Universität des Saarlandes und sprechen mit ihnen über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen, ihre wissenschaftlichen Fragestellungen und persönlichen Perspektiven.
Eine Übersicht über all unsere Mitglieder finden Sie hier.

Kann man das Irreparable „reparieren“?
Die CURE-Direktor*innen Christiane Solte-Gresser und Markus Messling im Interview
25 Millionen Euro Bundesförderung, internationale Fellows aus Wissenschaft, Kunst und Kultur und eines von aktuell acht Käte Hamburger Kollegs deutschlandweit: Mit dem Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation (CURE) ist seit 2024 eines der bedeutendsten geisteswissenschaftlichen Forschungsprojekte der Bundesrepublik an der UdS angesiedelt.
Mit den Direktor*innen von CURE, Prof. Dr. Christiane Solte-Gresser und Prof. Dr. Markus Messling, beide Clusterprofessor*innen am CEUS, sprechen wir über Reparation als Zukunftsfrage, neue Perspektiven für die Europaforschung und die Rolle von Kunst und Kultur in einer Welt, die von Krisen, Konflikten und tiefgreifenden Veränderungen geprägt ist.
Warum erlebt der Begriff der Reparation gerade jetzt Konjunktur, und wie ist er zu verstehen?
Die enormen seelischen und materiellen Zerstörungen durch den Kolonialismus, Genozide, Sprach- und Kulturtod sowie die Vernichtung von Biosystemen und die Erderhitzung zeigen immer deutlicher: Wir können die Zukunft nicht mehr aus einem Mehr an Ressourcen und Energien heraus denken, sondern müssen sie reparativ gestalten.
Kann man das Irreparable überhaupt „reparieren“?
Was unwiderruflich verloren, unwiederbringlich zerstört oder unheilbar verwundet ist, lässt sich nicht reparieren. Aber es gibt Möglichkeiten, das Irreparable in einer reparativen Perspektive in eine neue Zukunft zu wenden. Kulturelle Praktiken spielen hierfür eine entscheidende Rolle.
Welche Rolle können Literatur, Kunst und Kultur dabei spielen, mit Krisen, Gewalt oder Verlust umzugehen?
Erzählen, Ausstellen, Filmen oder Aufführen etwa können Auseinandersetzungen mit dem sein, was nicht wieder gutzumachen ist. Sie bringen beispielsweise individuelle wie kollektive Erfahrungen zur Sprache und arbeiten am Körper. So können sie widerstreitende Perspektiven zusammenführen und Möglichkeiten des Weiterlebens ausloten.
Inwiefern ist Reparation eine Zukunftsfrage – und nicht nur eine Frage der Vergangenheit?
Subjekte, die schmerzhafte reparative Prozesse durchlaufen haben, sind nicht dieselben wie vorher. Die Reparatur hinterlässt Spuren, denn das Vergangene lässt sich nicht rückgängig machen. Reparation ist daher eine kulturelle Praxis, die aus einer Haltung des Dennoch heraus versucht, aus der Zerstörung oder der Verletzung Möglichkeiten des Weiterlebens zu gewinnen.
Warum ist das Thema für die Europa-Forschung besonders relevant?
Weil es zeigt, dass die existenziellen Fragen unserer Gegenwart solche sind, die Europa in seinem Verhältnis zur Welt betreffen. Daher können sie auch nur in einer globalen, menschheitlichen Perspektive beantwortet werden. Es geht daher gerade auch darum, wie wir in unseren Arbeiten gezeigt haben, Europa in Welt-Diskurse einzubetten.
Welche Aufgabe hat ein geisteswissenschaftliches Kolleg Ihrer Meinung nach in Zeiten globaler Krisen, die Politik, Recht und Wirtschaft an ihre Grenzen bringen?
Es hat vor allem Diskursräume offen zu halten; Räume, in denen Ambivalenz und Komplexität ausgehalten werden, unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen können, Argumente ausgehandelt werden und gemeinsam nach möglichen Zukunftsentwürfen gesucht wird. Es ist ein Kolleg gegen die zerstörerische Polarisierung.
Wie erzählen Literatur und Film von Verlust, Gewalt und Erinnerung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich CEUS-Clusterprofessorin Christiane Solte-Gresser seit vielen Jahren. Die Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft forscht zu Literaturen der Shoah, Trauma Studies und den Beziehungen zwischen Kultur und Ökologie. Von 2015 bis 2024 leitete sie das DFG-Graduiertenkolleg "Europäische Traumkulturen", seit 2024 gemeinsam mit Markus Messling das Käte Hamburger Kolleg CURE. Seit 2025 ist sie die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.
Für Markus Messling begann der Sommer 2026 mit einer besonderen Auszeichnung: Der Literatur- und Kulturwissenschaftler wurde zum Ordentlichen Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gewählt – einer der renommiertesten wissenschaftlichen Akademien Deutschlands. Vor seiner Professur für Romanische und Allgemeine Literatur- und Kulturwissenschaft an der UdS war er stellvertretender Direktor des deutsch-französischen Forschungszentrums für Sozial- und Geisteswissenschaften Centre Marc Bloch und Professor für Romanische Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften (Academia Europaea) und hatte Gastprofessuren und Fellowships in Paris, Cambridge, London und Kobe, Japan.
Der CEUS-Clusterprofessor forscht zur Geschichte europäischer Kulturreflexion, zu Europas Verhältnis zur Welt und Fragen von Universalität. Bevor er 2024 gemeinsam mit Christiane Solte-Gresser die Leitung des Käte Hamburger Kollegs übernahm, leitete er an der UdS den ERC Consolidator Grant "Minor Universality: Narrative World Productions After Western Universalism".

Was erzählen literarische Texte über Europa?
Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und Komparatistin Agnieszka Hudzik
Was bedeutet Mitmenschlichkeit in Zeiten gesellschaftlicher Krisen, neuer Grenzziehungen und identitärer Debatten? Mit dieser Frage beschäftigt sich PD Dr. Agnieszka Hudzik, ehemaliges Mitglied des Nachwuchskolleg Europa am CEUS.
Wir haben die Literaturwissenschaftlerin und Komparatistin gebeten, uns drei Fragen zu beantworten.
Was macht Mitteleuropa für Sie literarisch besonders spannend?
Mitteleuropa fasziniert mich, weil es einfache West-Ost- und Nord-Süd-Schemata unterläuft. Als global verflochtenes Textgewebe macht es exemplarisch sichtbar, wie Literatur aus Mehrsprachigkeit, Übersetzung, Hybridität und Grenzüberschreitung entsteht – jenseits nationaler Zuordnungen.
Was erzählen literarische Texte über Europa, das man in politischen Debatten oft nicht sieht?
Literatur erschließt, was politische Debatten oft ausblenden: Ambivalenzen, Verletzlichkeit, Schweigen, Traumata und emotionale Spannungen innerhalb Europas. Während Politik Eindeutigkeit sucht, bewahrt Literatur das Widersprüchliche und lässt Europa als fragile Erfahrung lesbar werden.
Welche Rolle kann Literatur in gesellschaftlichen Krisenzeiten spielen?
Literatur ist in Krisenzeiten mehr als eine Chronistin: Als Laboratorium der Imagination liefert sie keine fertigen Antworten, sondern öffnet Denkräume. Sie hinterfragt Gewissheiten, erprobt neue Perspektiven und entwirft Visionen davon, in welchem Europa wir künftig leben wollen.
In ihrer Forschung verbindet Agnieszka Hudzik Literaturwissenschaft, Philosophie und Kulturtheorie mit einem besonderen Fokus auf Mitteleuropa, Mehrsprachigkeit und transkulturellem Erzählen. Dabei interessiert sie, wie die Literatur gesellschaftliche Spannungen sichtbar macht – und sie so neue Perspektiven auf Europa eröffnet.
Von 2023 bis 2025 forschte die Literaturwissenschaftlerin und Komparatistin als Postdoktorandin im Nachwuchskolleg Europa am CEUS und reichte im Juni 2025 an der UdS ihre Habilitationsschrift "Retrotopias Reimagined: Menschengemeinschaft in Literatur und Kunst nach dem Universalismus" zur Erlangung der Venia Legendi im Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (Germanistik und Slawistik) ein. Agnieszka Hudzik untersucht darin literarische und künstlerische Werke des 19. bis 21. Jahrhunderts, die in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Umbrüche entstanden sind. Im Zentrum steht die Frage, welche Vorstellungen von Mitmenschlichkeit und offenem Zusammenleben Literatur und Kunst heutigen Formen von Ausgrenzung, Homogenisierung und nostalgischen Gemeinschaftsidealen entgegensetzen. Im Juni 2026 hat sie als erste Alumna des Nachwuchskollegs Europa ihre Antrittsvorlesung an der Philosophischen Fakultät der UdS gehalten.

Was heißt eigentlich „Europäische Identität“?
Politikwissenschaftler Philipp König im Interview
„Europäische Identität“ klingt oft abstrakt und kann vieles bedeuten – für Philipp König ist es deshalb wichtig, bei politischen und gesellschaftlichen Fragen die Vielfalt dieses Begriffs zu berücksichtigen. Im Mai verteidigte der Politikwissenschaftler als erster Promovend des Nachwuchskollegs Europa am CEUS erfolgreich seine Dissertation.
Wir stellen Ihnen den Politikwissenschaftler etwas persönlicher vor.
Was bedeutet es eigentlich, sich „europäisch“ zu fühlen?
Die Identifikation mit Europa hat viele Ebenen: Europa gilt als politisch-wirtschaftliches Kollektiv (oft die EU), als kultureller Raum mit gemeinsamem Erbe trotz Vielfalt, als gemeinsamer Herkunftsort oder als Schritt hin zu einer kosmopolitischen Welt.
Und wie kann man europäische Identität „messen“?
Bisher wurde in Umfragen meist nur nach der emotionalen Verbundenheit mit Europa oder der EU gefragt. Um besser zu verstehen, welche Bedeutung Menschen ihrer europäischen Identifikation zuschreiben, entwickelten wir in einem langjährigen Forschungsprozess ein neues Messinstrument für Bevölkerungsumfragen.
Was hat Sie in Ihrer Forschung über das Verhältnis der Menschen zu Europa am meisten überrascht?
Ich war positiv überrascht, dass sich viele Befragte als Europäer*innen sehen. Ernüchternd war jedoch, wie unterschiedlich verstanden wird, was „europäisch“ bedeutet. Insgesamt zeigt sich aber: Europäische Identität beschäftigt zunehmend breite Teile der Bevölkerung.
Von 2023 bis April 2026 forschte Philipp König am CEUS als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand im Nachwuchskolleg Europa. In seiner Dissertation „Der Nexus Europäischer Identität: Bedeutungsinhalte sozialer Identifikation mit Europa“ untersucht er, welche Bedeutung Menschen in Deutschland ihrer Verbundenheit zu Europa beimessen und warum ein starkes europäisches „Wir-Gefühl“ zugleich mit Distanz zur Europäischen Union verbunden sein kann. Dabei verbindet Philipp König politikwissenschaftliche Theorie mit empirischer Sozialforschung und sozialpsychologischen Ansätzen. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach EU-Skeptizismus, politischer Polarisierung und gesellschaftlichem Zusammenhalt in Europa.
Er setzt seine Forschung nun im interdisziplinären Projekt SOUNDS von CEUS-Clusterprofessorin Daniela Braun und Prof. Dr. Ingmar Weber fort, das mit neuartigen Datenquellen gesellschaftliche und politische Dynamiken in Europa untersucht.

Wie wohnt es sich in Europa?
Humangeographin Carola Fricke im Gespräch
Europa dort zu betrachten, wo es tatsächlich stattfindet: Genau das ermöglicht die Lage der Universität des Saarlandes in der Grenzregion SaarLorLux und prägt die Europaforschung am CEUS. Geographische Forschung mit europäischem Schwerpunkt nimmt dabei eine zentrale Rolle ein: Sie zeigt, wie europäische Prozesse vor Ort über die Grenzen hinweg ausgehandelt und gestaltet werden.
Mit dem urbanistischen Forschungsansatz von Jun.-Prof. Dr. Carola Fricke rücken insbesondere Städte als Orte des Wandels in den Fokus.
Wir haben der Geographin und CEUS-Clusterprofessorin drei Fragen gestellt.
Was interessiert Sie an Europa aus geographischer Perspektive besonders?
Europa hat ein historisches Stadtmodell hervorgebracht: den Archetyp der europäischen Stadt, der bis heute viele Vorstellungen von Urbanität prägt. Gleichzeitig ist Europa aktuell ein Innovationsraum für Stadtentwicklung. Diese Verflechtungen und Dynamiken finde ich spannend – und gerade hier in unserer Grenzregion lassen sie sich wie im „Labor“ konkret beobachten.
Was verändert sich gerade in europäischen Städten und Regionen?
Europäische Städte und Regionen sind truth spots – Orte, an denen sich Wandel verdichtet zeigt: Digitalisierung verändert, wie wir Räume nutzen und Städte bauen. Wohnungspolitische Instrumente wirken lokal sehr unterschiedlich. Europa bietet dafür ein einzigartiges Vergleichsfeld.
Was sollten wir über das Wohnen in Europa besser verstehen?
Wohnen ist ein Grundbedürfnis – und doch wird es in Europa sehr verschieden gelebt und organisiert. Wie Menschen wohnen, hängt stark von den Bedingungen vor Ort ab und zeigt, wie eng private Lebensrealitäten mit politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft sind.
Carola Fricke ist seit 2023 Juniorprofessorin für Humangeographie mit europäischem Schwerpunkt an der Universität des Saarlandes und Clusterprofessorin am CEUS. Zuvor lehrte und forschte sie an der Universität Freiburg und der TU Berlin, wo sie sich intensiv mit städtischer Wohnungspolitik in Europa sowie europäischen Raumfragen beschäftigte.
Heute bringt sie diese Perspektive in die Europaforschung am CEUS ein, mit einem besonderen Fokus auf die Frage, wie europäische Politik „vor Ort“ eingebettet wird: Ihre Forschung bewegt sich im Feld der Stadt- und Metropolenforschung und des comparative urbanism.
Ein besonderer Fokus liegt auf Fragen des Wohnens: Wie unterscheiden sich Wohnformen und -praktiken räumlich, beispielsweise im Hinblick auf Wohnortwechsel und Berufspendeln? Wie werden politische Steuerungsinstrumente zwischen lokaler, nationaler und europäischer Ebene vermittelt und vor Ort umgesetzt?
In Lehre und Forschung verbindet Carola Fricke diese Themen mit europäischen Perspektiven – etwa mit Blick auf Governance-Strukturen, Grenzräume und räumliche Entwicklungen innerhalb der Europäischen Union.

Regionen, Klima, Grenzen
Wirtschaftsgeograph Francesco Cappellano im Porträt
Mit Dr. Francesco Cappellano hat das CEUS im Sommersemester 2026 einen Wirtschaftsgeographen als Europa-Gastprofessor empfangen, der sich mit regionaler Entwicklung, Klimapolitik und grenzüberschreitender Zusammenarbeit in Europa beschäftigt.
Seine Forschung richtet den Blick auf die Frage, wie Regionen auf große Transformationsprozesse wie Klimawandel, Digitalisierung oder wirtschaftlichen Strukturwandel reagieren – und wie politische Entscheidungen dabei auf unterschiedlichen Ebenen zusammenwirken. Ein besonderer Fokus liegt auf Grenzräumen, in denen europäische Vorgaben auf die jeweiligen nationalen und regionalen Umsetzungen treffen und so Spannungen, aber auch Lösungsansätze direkt nebeneinander sichtbar werden.
Im Interreg-Projekt ClimatePol koordiniert Francesco Cappellano ein Arbeitspaket zu den sozioökonomischen Auswirkungen des Klimawandels und zu Anpassungsstrategien in der deutsch-dänischen Grenzregion – an der UdS hat er mit der Grenzregion SaarLorLux einen neuen europäischen Grenzraum in den Blick genommen:
„Meine ersten Eindrücke von SaarLorLux sind äußerst positiv: Die kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit machen die Region zu einem faszinierenden Raum der Hybridität. Besonders freue ich mich darauf, gemeinsam mit CEUS-Kolleg*innen zu erforschen, wie grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Alltag funktioniert – etwa im Umgang mit Klimawandel und anderen gesellschaftlichen Herausforderungen.“

Demokratie und Vertrauen(sverlust) in Europa
Im Gespräch mit der Politikwissenschaftlerin Daniela Braun
Wer sich mit europäischer Demokratie beschäftigt, kommt an ihr kaum vorbei: Prof. Dr. Daniela Braun publiziert regelmäßig in führenden Fachzeitschriften, spricht auf internationalen Konferenzen und bringt ihre Forschung in öffentliche Debatten ein, etwa in zahlreichen Medienbeiträgen oder kürzlich in einem TEDx Talk über die Zukunft demokratischer Beteiligung.
Wir haben mit der Politikwissenschaftlerin und CEUS-Clusterprofessorin gesprochen.
Was fasziniert Sie an europäischer Demokratie in ihrer heutigen Form am meisten?
Ich fand Europa als Thema schon während meines Studiums spannend, weil die Europäische Integration unser alltägliches Leben so extrem prägt und gleichzeitig die meisten Menschen behaupten würden, dass sie Europapolitik eher uninteressant finden. Dieses Spannungsverhältnis zieht sich durch viele meiner Forschungsfragen.
Was hat sich in Europa zuletzt spürbar verändert?
Europäische Politik ist zwar oft ein nachrangiges Thema in der Tagespolitik und der medialen Berichterstattung, aber Europa wird in Politik und Gesellschaft immer sichtbarer, was positive wie negative Konsequenzen nach sich zieht.
Und was daran sollten wir ernster nehmen, als wir es aktuell tun?
Eine Begleiterscheinung der erhöhten Sichtbarkeit Europas in Politik und Gesellschaft ist die zunehmende Etablierung EU-skeptischer Positionen. Diesen gilt es angemessen zu begegnen.
Daniela Braun ist seit 2022 Professorin für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Europäische Integration und Internationale Beziehungen an der UdS und Clusterprofessorin am CEUS.
Ihre Arbeit kreist um eine zentrale Frage der Europaforschung: Wie funktioniert demokratische Repräsentation im europäischen Mehrebenensystem – und wie verändert sich das Verhältnis zwischen Bürger*innen, Parteien und europäischen Institutionen? Europawahlen, politische Parteien und Wählerverhalten gehören deshalb ebenso zu ihren zentralen Forschungsschwerpunkten wie die Frage nach Vertrauen – und Vertrauensverlust – in demokratische Institutionen in Europa.
Ein aktueller Schwerpunkt ist das interdisziplinäre Kompetenzzentrum Societal Observatory Using Novel Data Sources (SOUNDS), das Daniela Braun gemeinsam mit dem Informatiker Prof. Dr. Ingmar Weber leitet. Das Projekt verbindet Sozialwissenschaften und Künstliche Intelligenz, um gesellschaftliche Entwicklungen mit neuen Datenquellen zu analysieren – etwa anhand von Social-Media-Daten, Web-Suchtrends oder Satellitenbildern. Für den Aufbau von SOUNDS erhielt das Projekt 2025 eine Förderung von 29 Millionen Euro aus dem Transformationsfonds des Saarlandes.

Europa zwischen Resilienz und Rivalität
Verfassungs-, Europa- und Völkerrechtler Till Patrik Holterhus im Porträt
Prof. Dr. Till Patrik Holterhus
Mit Prof. Dr. Till Patrik Holterhus hat das CEUS kürzlich einen renommierten Verfassungs-, Europa- und Völkerrechtler als neuen Clusterprofessor sowie als Mitglied im CEUS-Direktorium gewonnen. Seine Forschungen zu den unions- und völkerrechtlichen Strukturen, auf denen die europäische Integration und die internationale Handlungsfähigkeit beruhen, stärken eine zentrale Säule des Europa-Schwerpunkts der UdS.
Wir stellen Ihnen den Rechtswissenschaftler im Kurzporträt vor.
Prof. Dr. Till Patrik Holterhus ist Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Universität des Saarlandes, Co-Direktor des Europa-Instituts sowie CEUS-Clusterprofessor und Direktoriumsmitglied.
Er forscht zu den unions- und völkerrechtlichen Grundlagen der europäischen Integration – insbesondere zur Rechtsstaatlichkeit, zur institutionellen Verfasstheit der EU und zur Rolle Europas in einer sich wandelnden internationalen Ordnung. Weitere Schwerpunkte seiner Forschung betreffen die rechtlichen Rahmenbedingungen der Resilienz demokratischer Gesellschaften sowie seine Ideen zur wehrhaften Demokratie, die international Beachtung finden.
Wie aktuell diese Fragen sind, zeigte zuletzt die hochrangig besetzte Konferenz „Wirtschaftssicherheit: Europäische Selbstbehauptung in Zeiten geoökonomischer Rivalität“, die Prof. Holterhus Anfang Februar gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und dem Auswärtigen Amt im Europasaal des Auswärtigen Amts in Berlin ausrichtete.

Europa und der Ukrainekrieg: Die Macht von Sprache und Symbolik
Politikwissenschaftlerin Cornelia Baciu im Gespräch
Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine steht Europas Sicherheits- und Rechtsordnung weiterhin sichtbar unter Druck. Fragen nach Rechtsstaatlichkeit und politischer Handlungsfähigkeit sind keine abstrakten Debatten mehr, sondern berühren den Kern der europäischen Integration.
Wir haben mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Cornelia Baciu aus dem Nachwuchskolleg Europa des CEUS über den Krieg in der Ukraine und ihr aktuelles Forschungsprojekt gesprochen.
Was interessiert Sie an den öffentlichen Reaktionen auf den Ukrainekrieg besonders?
Zentral ist für mich, wie die EU auf internationale Handlungsunfähigkeit – etwa im UN-Sicherheitsrat oder angesichts der US-Ambivalenz – reagiert und sich normativ und sicherheitspolitisch als globaler Akteur positioniert. Mich interessiert, wie dabei Normen neu gefasst und Gefühle von Sicherheit hergestellt werden.
Worin besteht der Kern Ihres Forschungsansatzes?
Ich verbinde Internationale Beziehungen mit politischer Theorie und verstehe Politik als Ausdrucksgeschehen: Öffentliche Reaktionen sind nicht nur strategisch, sondern konstituieren durch Sprache und Symbolik Normen und Sicherheit.
Warum ist das für Europas Sicherheit heute relevant?
Weil Europas Sicherheit nicht nur militärisch verteidigt wird, sondern auch davon abhängt, ob Verstöße gegen das Völkerrecht klar benannt und verfolgt werden – etwa durch die Unterstützung eines Sondertribunals oder die Dokumentation von Kriegsverbrechen. Denn das prägt die Glaubwürdigkeit der europäischen Friedensordnung.
Geprägt durch internationale Stationen in Europa und den USA verbindet Dr. Cornelia Baciu, Postdoktorandin im Nachwuchskolleg Europa des CEUS, in ihrer Forschung Internationale Beziehungen, Sicherheitspolitik und politische Theorie.
Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie internationale Politik nicht nur durch Macht und Interessen, sondern auch durch Ausdrucksformen wirkt – durch Reden, Erklärungen und symbolische Handlungen. Baciu untersucht, wie solche öffentlichen Reaktionen dazu beitragen, Gefühle von Stabilität und Selbstgewissheit in Zeiten politischer Krisen herzustellen.
Ihr aktuelles Forschungsprojekt analysiert vor diesem Hintergrund die Reaktionen auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im sicherheitspolitischen und strafrechtlichen Bereich.

Wann ist man "lost in translation"?
Komparatistin Evgenia Dourou im Interview
Evgenia Dourou, Promovendin im Nachwuchskolleg Europa des CEUS, untersucht, wie Europa heute literarisch über Grenzen hinweg erzählt wird. Die Frage, wann man dabei lost in translation ist – oder ob Übersetzung nicht vielmehr Bedeutungsgewinn erzeugt –, war das Thema von Evgenia Dourous letzter Lehrveranstaltung, die sie zusammen mit CEUS-Mitglied und Germanistin Prof. Dr. Romana Weiershausen ausgerichtet hat.
Wir stellen Ihnen die Komparatistin kurz vor.
Was hat Sie dazu inspiriert, Akademikerin zu werden?
Ich wollte die Welt in ihrer Komplexität besser verstehen: mich mit anspruchsvollen Texten auseinandersetzen, Zusammenhänge sichtbar machen, differenziert über verwickelte Sachverhalte schreiben.
In einem Satz: Worum geht’s in Ihrer Dissertation?
Meine Dissertation fragt danach, ob es jenseits nationaler Rahmen ein europäisches Gedächtnis gibt und wie literarische Texte über Europa diese Frage verhandeln.
Und was hat das mit dem Europa zu tun, in dem wir heute leben?
Die Art, wie wir uns an die Vergangenheit erinnern, prägt unsere Gegenwart und unsere Zukunftsvisionen. Für ein Zusammenleben im heutigen Europa braucht es anschlussfähige Erinnerungsnarrative, die wir miteinander teilen können, und eine stetige Auseinandersetzung damit, wie inklusiv dieses „Wir“ ist.
Die Komparatistin Evgenia Dourou untersucht, wie Europa zum Gegenstand literarischer Reflexion wird: Ihre Dissertation fragt, wie Gegenwartstexte aus vier Sprachräumen den Kontinent als kulturellen, historischen und politischen Imaginationsraum entwerfen.
Sie studierte Griechische Philologie mit einem neugriechischen Schwerpunkt, Film- und Kulturwissenschaften sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen, der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2023 forscht sie im Nachwuchskolleg Europa des CEUS.

Wie Europa wirtschaften lernte
Germanist Christian Meierhofer im Porträt
Was wir heute unter „Ökonomie“ verstehen, erscheint oft als selbstverständlich. Doch dieses Verständnis ist historisch gewachsen – und eng mit kulturellen Praktiken, Texten und Medien verbunden. PD Dr. Christian Meierhofers Forschungsfrage ging im Rahmen seiner FONTE-Stiftungsgastprofessur für Literaturen und Kulturen im Europa der Frühen Neuzeitim Wintersemester 2025/26 am CEUS von der These aus, dass unser heutiges Verständnis von Ökonomie maßgeblich in der Frühen Neuzeit entstanden ist – im Zusammenspiel von Literatur, Wissenszirkulation und sich professionalisierenden ökonomischen Praktiken. Texte, Übersetzungen und Bücher fungieren dabei nicht nur als Spiegel ökonomischen Denkens, sondern sind selbst Träger von kulturellem Wert und damit Tauschobjekte im europäischen Raum.
Statt kanonischer Theorietexte untersuchte er Hausväterliteratur, religiöse Traktate und literarische Gattungen ebenso wie geschlechterspezifische Ordnungsvorstellungen. Er fragte in seinem Seminar und einem interdisziplinären Workshop danach, wie ökonomisches Wissen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert über Sprach-, Regionen- und Mediengrenzen hinweg zirkulierte, übersetzt und praktisch wirksam wurde.
Diese Perspektive ergänzt Christian Meierhofers breiteres Forschungsprofil, das von der Literatur- und Wissensgeschichte über Medien- und Kommunikationstheorie bis hin zu populären und nichtfiktionalen Gattungen reicht, um einen Beitrag zur Europaforschung an der UdS.
Nach seinem Studium der Kommunikationswissenschaft, Deutschen Philologie und Englischen Philologie in Münster promovierte Christian Meierhofer an der Universität Bremen und habilitierte sich 2017 für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Allgemeine Literaturwissenschaft. Seit 2018 forscht er als Heisenberg-Stipendiat der DFG an der Universität Bonn und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Gastdozenturen führten ihn an renommierte Hochschulen in Europa, Korea und den USA.