Zitat des Monats

„Isa lächelt zuweilen, das ist wahr. Sie sitzt in einem Sessel, tut gar nichts und lächelt ohne Anlaß ein bißchen töricht vor sich hin. Diese Beobachtung stützt meine These, daß Lächeln und Weinen infantile Überbleibsel aus der Entwicklungsgeschichte der Menschheit sind und von voll gereiften Exemplaren dieser Gattung etwa um das fünfundzwanzigste Lebensjahr herum abgestoßen werden, wie die Eidechse sich eines beschädigten Schwanzes entledigt. Diese Theorie erklärt hinreichend den unerschütterlichen Ernst der Tiere, deren Stammesgeschichte ja zweifellos unermeßlich viel länger ist als die des Menschen, so daß die Notwendigkeit, lästige Attribute loszuwerden, für sie schon viel früher bestanden haben muß.“

Christa Wolf: „Neue Lebensansichten eines Katers.“ In: dies.: Gesammelte Erzählungen. Berlin und Weimar: Luchterhand, 21980, S. 138.

 

Der Lehrstuhl Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ist Teil der Fachrichtung Germanistik an der Universität des Saarlandes.