Schriftstellerärzt_innen in Frankreich und in den frankophonen Kulturen: Vorstellungswelten – Poetiken – interkulturelle und transdisziplinäre Perspektiven

Internationale Tagung, Saarbrücken, 28.–30. Januar 2016

Organisation: PD Dr. Julia Pröll in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Lüsebrink, Prof. Dr. Henning Madry sowie dem Frankreichzentrum der Universität des Saarlandes

Bereits der etymologische Ursprung der Medizin als Heilkunst (ars medica) sowie die kathartische – und insofern therapeutisch relevante – Wirkung der Tragödie verweisen auf die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Literatur und Medizin und führen zur kritischen Hinterfragung der Zwei-Kulturen-These Charles Percy Snows, die Medizin und Literatur als zwei getrennte Bereiche konzeptualisiert und einander (kompetitiv) gegenüberstellt. Geht es darum, die komplexen Austausch- und Transferbeziehungen zwischen Literatur und Medizin zu beleuchten sowie zu einem transdisziplinären Dialog anzuregen, kommt gerade auch sogenannten ‚Schriftstellerärzt_innen‘, diesen ‚Wanderern‘ zwischen Literatur und Medizin eine tragende Rolle zu, weshalb sie im Mittelpunkt der Tagung stehen sollen. Obwohl diese ‚Doppelagent_innen‘ im Dienst von Literatur und Medizin in allen Weltteilen und nicht nur in der Gegenwart anzutreffen sind – man denke an Anton Tschechov, Gottfried Benn oder François Rabelais – widmet sich die Tagung Schriftstellerärzt_innen in Frankreich und den frankophonen Kulturen, die im 20. und 21. Jahrhundert publizieren. Diese Beschränkung möchte zum einen einem bestehenden Forschungsdefizit begegnen, zum anderen interkulturelle Aspekte akzentuieren. Dies vermag vor allem durch die Einbeziehung von Autor_innen aus frankophonen, nicht europäischen Gebieten gelingen, insbesondere wenn sich diese auf nicht europäisch geprägte Medizintraditionen beziehen.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen Autor_innen, die zumindest über eine begonnene oder abgeschlossene medizinische Ausbildung verfügen, idealiter aber auch als Ärzt_innen oder Therapeut_innen praktizieren oder praktiziert haben und deren literarische Tätigkeit im 20. und 21. Jahrhundert angesiedelt ist. Gerade seit dem 20. Jahrhundert – dem Zeitpunkt ihrer institutionellen Organisation in Vereinigungen wie dem 1949 gegründeten Groupement des Ecrivains Médecins (GEM), der alljährlich den Prix Littré vergibt, oder der 1968 ins Leben gerufenen Union Mondiale des Ecrivains Médecins (UMEM) – treten Schriftstellerärzt_innen nämlich auch in Frankreich verstärkt in Erscheinung. Hierzu genügt es, beispielsweise an Georges Duhamel, Louis-Ferdinand Céline und Jacques Ferron sowie, in jüngerer Zeit, Sergio Kokis, Malika Mokkedem, die französische Goncourt-Preisträgerin Lydie Salvayre und das Mitglied der Académie française Jean-Christophe Rufin zu denken.

Anstatt bei einer bloßen enzyklopädischen, bio-bibliografischen Bestandsaufnahme der Autor_innen zu verweilen, möchte die Tagung vor allem die auf verschiedenen Ebenen stattfindenden Kontaktphänomene zwischen literarischem und medizinischem Diskurs ausleuchten. Zu diesem Zweck widmet sie sich vor allem folgenden Themenfeldern:

1)      Motivationen: Was sind mögliche Triebfedern für den Wechsel zwischen ‚Skalpell‘ und Schreibfeder?

2)      Transfers: Welche medizinischen Wissensbestände eignet sich die Literatur an und zu welchem Zweck geschieht eine solche selektive, produktive, bisweilen auch ‚deformierende‘ Aneignung?

3)      Kontaminationen: Inwiefern ‚stecken‘ sich literarische und medizinische Schreibweise ‚an’ und welche ästhetischen Strategien werden zur Fiktionalisierung medizinischen Wissens benutzt?

4)      Interkulturelle Konfrontationen: Inwiefern kann die Literatur, gerade wenn sie auf außereuropäische Medizintraditionen Bezug nimmt, zum ‚Seziertisch‘ und zum Ort heilsamer Anamnese für Medizinsysteme werden?

 

Interessierte sind herzlich willkommen! Die Teilnahme ist kostenlos.

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