09.02.2026

Vom Strohhalm zum Kunststoff: Zellstoff-Nebenprodukt wird Basis für Nylon und Perlon

Ein Mitarbeiter zieht im Labor für Systembiotechnologie an der Universität des Saarlandes einen Bionylonfaden aus einem Glaskolben.
© Silvia SteinbachEin Mitarbeiter zieht im Labor für Systembiotechnologie an der Universität des Saarlandes einen Bionylonfaden aus einem Glaskolben.

Plastik aus Stroh: Auf diese Formel lässt sich das Vorhaben reduzieren, das das Team von Christoph Wittmann aus der Systembiotechnologie gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Industrie seit Anfang Februar verfolgt. Im vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt „LiGNUM“ sollen Bakterien so manipuliert werden, dass sie ein Nebenprodukt aus der Strohzellstoff-Produktion verwerten können, um daraus Grundbestandteile für Nylon und Perlon zu erzeugen.

Aus industriellen Nebenströmen wieder nutzbare Rohstoffe zu machen, ist die Grundidee der Kreislaufwirtschaft. Im Projekt LiGNUM wird diese Idee konkret umgesetzt: Stoffströme aus der Zellstoffproduktion sollen mithilfe von Mikroorganismen in Bausteine für neue Kunststoffe umgewandelt werden – und damit erdölbasierte Ausgangsstoffe ersetzen. Dass dies in der Region verankert und zugleich überregional vernetzt geschieht, ist dabei das I-Tüpfelchen.

Getragen wird diese Transformation von einem interdisziplinären Forschungsverbund unter Koordination von Christoph Wittmann an der Universität des Saarlandes. Über eine Laufzeit von drei Jahren arbeiten darin Partner aus Wissenschaft und Industrie gemeinsam daran, nachhaltige Polyamide zu entwickeln und ihre industrielle Umsetzbarkeit zu prüfen. „Uns geht es im Verbund darum, industrielle Polyamide auf nachhaltige Weise herzustellen, bis in den Pilotmaßstab“, so der Wissenschaftler. „Uns“, das ist das LiGNUM-Konsortium, das vom Bundesforschungsministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt ab Februar 2026 gefördert wird. Beteiligt sind neben der Universität des Saarlandes das Deutsche Biomasseforschungszentrum und das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie sowie die Industriepartner Tecnaro GmbH, Spezialisten für biobasierte Polymere, und die Essity Operations Mannheim GmbH, die den meisten durch ihre Marken wie „Tempo“ oder „Zewa“ ein Begriff sein dürfte.

„Polyamide, also Nylon oder Perlon, sind mit die ‚marktstärksten‘ Kunststoffe“, weiß Christoph Wittmann. „Wir wissen aus vorherigen Projekten, wie etwa der Herstellung von Plastikbausteinen aus Styroporabfällen,  was technisch möglich ist.  Jetzt wollen wir dieses Wissen nutzen, um mehrere Ausgangsstoffe für Polyamide gezielt biotechnologisch herzustellen“, sagt Christoph Wittmann. Dafür setzt das Projekt auf ein mikrobielles Produktionssystem, das sich für die Synthese verschiedener Kunststoffbausteine eignet.

Die für LiGNUM benötigten Ausgangsstoffe stammen aus einem Nebenstrom der Zellstoffproduktion. Partner Essity nutzt in seiner Zellstofffabrik Stroh aus der Landwirtschaft als Rohstoff für Hygienepapiere. Dabei fällt ein ligninbasierter Stoffstrom an, der unter dem Namen InnoLig+ vermarktet wird. „Allein am Essity-Standort in Mannheim entsteht eine Menge von mehreren zehntausend Tonnen pro Jahr – eine Größenordnung, die eine industrielle Nutzung grundsätzlich möglich macht“, sagt Christoph Wittmann. Ziel des Projekts ist es, diesen biobasierten Stoffstrom mithilfe biotechnologischer Verfahren für die Herstellung von Kunststoffbausteinen zu erschließen.

„Bislang werden zentrale Ausgangsstoffe für Polyamide überwiegend petrochemisch hergestellt – auf Basis fossiler Rohstoffe und in energieintensiven Prozessen der sogenannten ‚schwarzen Chemie‘. LiGNUM verfolgt einen Ansatz, der sich an den Prinzipien der grünen Chemie orientiert: Biobasierte Stoffströme sollen mithilfe von Mikroorganismen zu Kunststoffbausteinen umgewandelt werden und so petrochemische Herstellungswege perspektivisch ersetzen“, so Christoph Wittmann.

Auf einen Blick:
Das Projekt„LiGNUM - Mikrobielle Veredlung ligninbasierter Ströme zu nachhaltigen Biomaterialien”  wird mit rund 1,55 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Rund 940.000 Euro entfallen auf das Team von Christoph Wittmann an der Universität des Saarlandes. Projektpartner sind die Tecnaro GmbH (Ilsfeld), das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie in Potsdam und das Deutsche Biomasseforschungszentrum in Leipzig; Essity Operations Mannheim GmbH ist als assoziierter Partner beteiligt. Das Projekt startete am 1.2.2026 und hat eine Laufzeit von 36 Monaten.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Christoph Wittmann
Tel.: (0681) 30271971
E-Mail: christoph.wittmann(at)uni-saarland.de 
www.isbio.de