06.08.2026

Sorge um Zuwanderung viel wichtiger für AfD-Erfolg als wirtschaftliche Benachteiligung

Portrait von Martin Schröder© Studio Schloen/privat
Prof. Dr. Martin Schröder

Vor allem die Einstellung zur Einwanderung erklärt die Unterstützung für die AfD. Geringeres Einkommen, geringere Bildung und – subjektiv empfundene – Benachteiligung hingegen spielten eine viel kleinere Rolle als bisher angenommen dafür, ob jemand die AfD unterstützt oder nicht. Ein Team um Martin Schröder, Professor für Soziologie an der Universität des Saarlandes, konnte das anhand von Daten von fast 32.000 Personen zeigen. Die Studie ist jüngst im Fachjournal PLOS One erschienen.

Warum unterstützen Menschen die Alternative für Deutschland (AfD)? Sind es die Abgehängten (oder diejenigen, die sich dafür halten), sind es Menschen mit geringerer Bildung, unterdurchschnittlichem Einkommen? Bisher gelten insbesondere soziale Verwerfungen als zentrales Motiv dafür, dass Menschen in Deutschland die AfD wählen. Nach dieser sogenannten „Modernisierungsverlierer-Hypothese“ fühlen sich bestimmte Bevölkerungsgruppen durch Globalisierung, gesellschaftlichen Wandel oder wirtschaftliche Umbrüche abgehängt und wenden sich deshalb Parteien wie der AfD zu.

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung kommt zu einem anderen Ergebnis: Nicht soziale oder wirtschaftliche Benachteiligung scheint der wichtigste Grund für die Unterstützung der Partei zu sein, sondern vor allem die Sorge über Zuwanderung. Die Studie von Martin Schröder, Professor für Soziologie an der Universität des Saarlandes, sowie Moritz Rehm und Anja Röcke aus seinem Lehrstuhl-Team wurde im Fachjournal PLOS One veröffentlicht. Für ihre Analyse werteten sie Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus, einer der größten und ältesten Bevölkerungsbefragungen Deutschlands. Die Untersuchung umfasst den Zeitraum von 2014 bis 2024 und basiert auf mehr als 110.000 Einzelbefragungen von knapp 32.000 Menschen.

 

Sorge um Zuwanderung viel stärker für AfD-Erfolg verantwortlich als wirtschaftliche Gründe

Demzufolge erklärt die Sorge um Einwanderung bereits rund drei Viertel der statistisch erklärbaren Unterschiede bei der Unterstützung der AfD. Beim tatsächlichen Wahlverhalten steigt dieser Anteil sogar auf etwa 90 Prozent. Zusätzliche Informationen über Einkommen, Bildungsstand oder subjektiv empfundene Benachteiligung verändern die Vorhersage der AfD-Unterstützung nur geringfügig. Die Wissenschaftler verwendeten eine Frage, die regelmäßig im SOEP gestellt wird: Wie besorgt sind Menschen über die Zuwanderung nach Deutschland? Die Befragten konnten angeben, ob sie sich gar nicht, etwas oder sehr besorgt fühlen. „Diese Einschätzung erwies sich über den gesamten untersuchten Zeitraum hinweg als der stärkste Einzelindikator für die Unterstützung der AfD. Dabei geht es nicht um die tatsächliche Zahl von Migrantinnen und Migranten im unmittelbaren Umfeld einer Person, sondern um ihre persönliche Wahrnehmung und Bewertung des Themas Einwanderung“, erläutert Martin Schröder die Hintergründe dieser Frage.

Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke untersuchten zahlreiche Faktoren, die häufig mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in Verbindung gebracht werden. Dazu gehörten: Einkommen, Bildungsniveau, Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, Sorgen um die persönliche finanzielle Situation, Sorgen über die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung. Dabei konnten sie einen eindeutigen Zusammenhang beobachten: „Zwar zeigten einige dieser Faktoren statistische Zusammenhänge mit der AfD-Unterstützung. Im Vergleich zur Sorge um Einwanderung fielen diese Zusammenhänge jedoch deutlich schwächer aus. Besonders bemerkenswert: Selbst Menschen mit hohem Einkommen und hoher Bildung unterstützten die AfD häufiger, wenn sie starke Sorgen bezüglich der Migration äußerten“, erklärt Martin Schröder diese Zusammenhänge.

Besonders aufschlussreich ist, dass das Team dieselben Personen über mehrere Jahre hinweg beobachtete. So konnten sie untersuchen, welche Veränderungen im Leben eines Menschen dazu führen, dass er die AfD stärker unterstützt als zuvor. Auch hier zeigte sich ein klares Muster: „Wenn Menschen im Laufe der Zeit besorgter hinsichtlich der Einwanderung wurden, stieg ihre Wahrscheinlichkeit, die AfD zu unterstützen, deutlich an. Veränderungen der finanziellen Situation oder der Abstiegsangst hatten dagegen kaum Auswirkungen“, führt Martin Schröder diesen Punkt aus.

 

Erkenntnisse können Grundlage für neue Ansätze in Politik und Wissenschaft sein

Die Ergebnisse dürften die Debatte über die Ursachen des AfD-Erfolgs neu beleben. „Viele politische Akteure argumentieren, eine Verbesserung sozialer und wirtschaftlicher Bedingungen könne rechtspopulistischen Parteien den Nährboden entziehen. Unsere Analysen legen nahe, dass kulturelle und migrationsbezogene Einstellungen erheblich wichtiger sind“, so das Fazit des Teams für die politische Praxis. Für die Forschung bedeutet das Ergebnis der Untersuchung, dass Erklärungsansätze, die vor allem auf soziale Benachteiligung setzen, zu kurz greifen, denn nach Ansicht der Autoren erklärt die Sorge um Einwanderung die Unterstützung der AfD bereits so umfassend, dass zusätzliche Erklärungen nur begrenzten Erkenntnisgewinn liefern.

Original-Publikation:
Schröder M, Rehm M, Röcke A (2026) Supporters of Germany’s far-right AfD party are concerned about immigration rather than feeling deprived. PLoS One 21(7): e0350403. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0350403 

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Martin Schröder
E-Mail: martin.schroeder(at)uni-saarland.de