„Mit unserem Projekt möchten wir darauf reagieren, dass Jugendliche sich in den vergangenen Jahren als besonders verletzliche Gruppe erwiesen haben. Im Vergleich zu anderen Altersgruppen sind die psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen in relevanter Anzahl gestiegen, was sich auch an deutlich längeren Wartezeiten in der ambulanten und stationären Versorgung zeigt“, sagt Monika Equit, Psychologie-Professorin an der Universität des Saarlandes. Gemeinsam mit Juniorprofessorin Sarah Schäfer, Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, und Professorin Daniela Fuhr, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS in Bremen, leitet sie die große deutschlandweite Multicenterstudie.
Darin wollen die Forscherinnen herausfinden, wie man Jugendliche im schulischen und persönlichen Kontext niedrigschwellig so unterstützen kann, dass sie in die Lage versetzt werden, sich aktiv mit ihrer mentalen Gesundheit auseinander zu setzen und einen besseren Umgang mit psychischen Problemen zu erlernen. „An der Multicenterstudie sind Hochschulen und Forschungseinrichtungen in sieben Bundesländern beteiligt, zudem kooperieren wir mit gesetzlichen Krankenkassen, der Schulsozialarbeit und Schulpsychologische Diensten vor Ort. Gemeinsam wollen wir einen innovativen Präventionsansatz entwickeln, der langfristig an vielen Schulen angeboten werden kann und vielleicht irgendwann zur Regelversorgung in Deutschland wird“, erklärt Sarah Schäfer.
Dieses Konzept hat auch den Gemeinsamen Bundesausschuss überzeugt: Das höchste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen beauftragte jetzt das Forschungsteam damit, das Großprojekt namens „STRESS Care“ in den kommenden dreieinhalb Jahren umzusetzen. Dafür stellt der Gemeinsame Bundesausschuss insgesamt 5,8 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds zur Verfügung, mit dem neue Versorgungsformen im Gesundheitsbereich entwickelt und erprobt werden sollen. Aus 47 Projektvorhaben wurden in einem zweistufigen Verfahren insgesamt 15 Initiativen für eine mehrjährige Förderung ausgewählt.
Die Intervention richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 8 und 9 an Regelschulen. Der erste Teil des Präventionsprogramms besteht aus einem Projekttag zur mentalen Gesundheitskompetenz und einem Online-Training zur Stärkung der Emotionsregulation. Dabei sollen die Schülerinnen und Schülern erfahren, was eigentlich mentale Gesundheit ist, wie man mental gesund bleibt und welche Möglichkeiten es gibt, mit eigenen Emotionen umzugehen. „Sie lernen also zum Beispiel, was Stress auslösen kann und wo man sich Hilfe holen kann, wenn es einem schlecht geht“, erklärt Monika Equit. Diese Trainings werden von den Schulpsychologischen Diensten oder der Schulsozialarbeit an den ausgewählten Schulen im Klassenverbund durchgeführt. Anschließend erhalten die Jugendlichen nach einer digitalen Erfassung ihrer individuellen Problemlagen und Stärken Zugang zu einer mobilen Anwendung. Auf ihren Smartphones sollen sie in einem Zeitraum von drei Wochen individuell auf ihre Belastungsbereiche zugeschnittene Module bearbeiten (z.B. einen besseren Umgang mit Grübeln erlernen oder das Ein- und Durchschlafen verbessern).
„Wir wollen den Jugendlichen dabei helfen, eigene risikobehaftete Verhaltensweisen abzubauen. Wenn jemand zum Beispiel Schlafprobleme hat, erhält er eine Anleitung, wie man diese etwa mit Hilfe von Entspannungstechniken und einfachen Regeln rundum den Schlaf bekämpfen kann. Wir versuchen zudem die psychischen Ressourcen zu stärken, indem wir Tipps geben, wie sich Probleme lösen lassen oder wie man eigene soziale Beziehungen stärkt, um sich nicht einsam zu fühlen“, sagt die Psychologie-Professorin. Während dieses digitalen Trainings werden die Jugendlichen von sogenannten eCoaches begleitet, die auf individuelle Fragen eingehen können.
In der ersten Projektphase wird die Intervention gemeinsam mit der Zielgruppe entwickelt. Hierbei können die Jugendlichen selbst Ideen und Wünsche einbringen, sodass die Smartphone-Anwendung genau ihren Bedarfen entspricht. Im Anschluss wird dann die Umsetzbarkeit und Akzeptanz der Prävention in einer Pilotstudie untersucht. Wie wirksam dieses Programm ist, soll schließlich in der dritten Phase des Projektes in einer bundesweiten Studie mit rund 6000 Schülerinnen und Schülern überprüft werden. „Mit unserem Programm wollen wir Jugendliche frühzeitig unterstützen, um so die Entstehung psychischer Erkrankungen und ihre Chronifizierung zu verhindern. Damit wollen wir dazu beitragen, dass in einigen Fällen keine Behandlung nötig wird“, sagt Monika Equit.
Vor dem Hintergrund der angespannten Versorgungslage im Bereich der Kinder- und Jugendpsychotherapie in Deutschland ist die systematische Implementierung wirksamer Präventionsangebote von zentraler Bedeutung. „Niedrigschwellige, schulbasierte Präventionsansätze ermöglichen auch Chancengleichheit unabhängig vom sozialen Hintergrund und leisten somit einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entlastung und zugleich zur Stärkung psychosozialer Versorgungsstrukturen. Eine erfolgreiche Implementierung in bestehende Bildungs- und Versorgungsstrukturen ist somit entscheidend, um Prävention psychischer Erkrankungen langfristig als festen Bestandteil der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland zu etablieren“, erklärt Daniela Fuhr.
Damit die im Rahmen des Projektes gewonnenen Erkenntnisse langfristig dazu beitragen, schulbasierte Präventionsangebote in Deutschland zu verbessern, sind neben den wissenschaftlichen Institutionen auch verschiedene Partner aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst sowie die gesetzlichen Krankenkassen beteiligt.
Am 28. Januar findet die Kick-Off-Veranstaltung des STRESS-Care-Projektes im Innovation Center der Universität des Saarlandes statt. STRESS-Care steht für „Stepped-Care-Programm zur Förderung von Resilienz und Reduktion psychischer Belastung bei jugendlichen Schülerinnen und Schülern“.
Folgende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind an der Studie beteiligt:
Jun.-Prof. Sarah K. Schäfer, Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) Mainz & Technische Universität Braunschweig, Braunschweig; Prof. Dr. Daniela Fuhr, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen & Universität Bremen; Prof. Dr. Julia Asbrand, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jena; Prof. Dr. Julian Schmitz, Universität Leipzig, Leipzig; Prof. Dr. Michèle Wessa, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit; Mannheim & Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR), Mannheim/Mainz; Prof. (apl.) Dr. Monika Equit & Prof. Dr. Tanja Michael, gemeinsam mit Prof. Dr. Eva Möhler & Andrea Dixius, Universität des Saarlandes, sowie für die externe Evaluation: Dr. Hermann Pohlabeln, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen
Weitere Informationen:
Pressemitteilung des Gemeinsamen Bundesausschusses:
https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1299/
Fragen beantworten:
Prof. (apl.) Dr. Monika Equit
Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität des Saarlandes
Leitung der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz
Tel. 0681 302-71021
E-Mail: monika.equit(at)uni-saarland.de
Jun.-Prof. Sarah K. Schäfer
Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) in Mainz
und Technische Universität Braunschweig
Tel. 0531 391-2856
E-Mail: sarah.schaefer(at)tu-braunschweig.de
Prof. Dr. Daniela Fuhr
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen
und Universität Bremen
Tel. 0421 218-56-754
E-Mail: fuhr(at)leibniz-bips.de