26.08.2026

Kluge Menschen wissen mehr über Wein: Wie sich höhere Intelligenz in vertieftem Fachwissen zeigt

Mann steht zwischen Weinreben und schneidet die Trauben ab.© privat
Der Intelligenzforscher Maximilian Krolo hilft derzeit selbst bei der Weinlese in Burgund mit.

Intelligente Menschen sind in Schule und Beruf erfolgreicher als andere. Dies haben Studien vielfach belegt. Doch wie sieht es in Bereichen aus, bei denen es nicht den Anreiz von guten Noten oder Geld gibt und auch der sozioökonomische Status keine besondere Rolle spielt? Am Beispiel von Weinwissen hat Intelligenzforscher Maximilian Krolo von der Universität des Saarlandes untersucht, ob sich bei intelligenten Menschen vertieftes Fachwissen vorhersagen lässt.

Gemeinsam mit Psychologie-Professor Timothy C. Bates von der University of Edinburgh hat er die Ergebnisse im Fachjournal „Intelligence & Cognitive Abilities“ publiziert.

„Anhand von Intelligenztests lässt sich vorhersehen, wie gut jemand in der Schule und im Beruf abschneidet. Beides sind aber Bereiche, in denen Menschen zum Lernen verpflichtet oder dafür bezahlt werden und die eng mit der sozialen Herkunft zusammenhängen. Man weiß deshalb nicht genau, ob die Intelligenz selbst das Lernen antreibt oder ob sie nur ein Indikator dafür ist, dass man in Umgebungen gerät, in denen Lernen ohnehin eingefordert oder ermöglicht wird“, sagt Psychologe Maximilian Krolo. Er hat daher ein Wissensgebiet als Versuchsfeld genutzt, das sich die meisten Menschen freiwillig aneignen und für das sie nicht bezahlt werden. Es geht um vertieftes Wissen zum Thema Wein. 

Das Thema Wein als beispielhaftes Fachwissen

„Der Weinanbau und die vielfältigen Weinsorten stehen auf keinem klassischen Lehrplan und werden von kaum einem Beruf vorausgesetzt. Das bringt den meisten Menschen weder Gehalt noch Karriere“, sagt Maximilian Krolo. Zugleich sei es anspruchsvoll, sich ein breites Weinwissen anzueignen. Man muss die Rebsorten und Anbaugebiete kennen, sich mit Herstellungsverfahren und den verschiedenen Weinstilen beschäftigen. „Da der Wein in vielen Ländern kulturell sichtbar und angesehen ist, konnten wir davon ausgehen, dass es viele Menschen gibt, die sich freiwillig mit dem Thema Wein beschäftigen“, sagt Maximilian Krolo, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes forscht.

Intelligenztest und Fragencheck zum Wein mit 525 Probanden

Für seine Studie, die Maximilian Krolo als Erstautor gemeinsam mit Professor Timothy C. Bates von der University of Edinburgh (Großbritannien) durchgeführt hat, mussten die Probanden zuerst einen etablierten Intelligenztest, kurz ICAR genannt, absolvieren. Dabei werden in kurzen Leistungstests verbales und figurales Schlussfolgern sowie das Fortsetzen von Zahlen- und Buchstabenreihen abgefragt. Außerdem mussten die insgesamt 525 Versuchspersonen in einer zweiten Sitzung 68 Multiple-Choice-Fragen zum Weinwissen bearbeiten. Diese beruhten auf dem Lehrplan einer international anerkannten Weinqualifikation, dem „Wine and Spirit Education Trust (WSET)“. Diese Qualifikation ist für Sommeliers sowie Beschäftigte im Handel und der Gastronomie gedacht, wird aber auch von vielen ambitionierten Weinliebhabern erworben. Darüber hinaus wurde in der psychologischen Studie erfasst, ob jemand beruflich mit Wein zu tun hat und welche Getränke er bevorzugt, um beides aus dem Ergebnis herausrechnen zu können.

Höhere Intelligenz geht mit vertieftem Weinwissen einher

„Wer sich kenntnisreich zum Thema Wein äußern will, sollte nicht nur auswendig gelernte Fakten abspulen. Es reicht also nicht aus, nur die Klimabedingungen der Weinberge, die regional unterschiedlichen Rebsorten oder die Zubereitungsvarianten im Weinkeller zu kennen. Man muss zum Beispiel auch wissen, dass ein kühles Anbaugebiet höhere Säure hervorbringt, um sich aus dieser Regel viele Einzelfälle zu erschließen. Genau solche Wissensstrukturen sind es, in denen sich Intelligenzunterschiede bemerkbar machen“, erklärt Maximilian Krolo. Dies zeigte auch die Auswertung seiner Studie: Intelligenz erklärt dort gut neun Prozent der Unterschiede im Weinwissen — und das in einem Gebiet, in dem keinerlei äußere Anreize wirken.

Berufliche Erfahrung verstärkt den Effekt – Nur Weintrinken reicht nicht

„Wer beruflich mit Wein zu tun hat, profitiert zusätzlich stärker von hoher Intelligenz. Die kognitiven Fähigkeiten und strukturierten Erfahrungen addieren sich also nicht bloß, sie verstärken einander“, stellte der Psychologe fest. Seine Erklärung: Im Beruf begegnet man dem Thema wiederholt, bekommt Rückmeldung und findet eine geordnete Struktur vor — genau die Bedingungen, unter denen klügere Menschen überdurchschnittlich viel mitnehmen. „Es reicht aber nicht, viele Weine zu probieren, um viel über Wein zu wissen. Anders als die Berufserfahrung verstärkt die Vorliebe für Wein den Effekt der Intelligenz nicht. Es ist also nicht der Kontakt mit Wein allein, der den Unterschied macht, sondern die Struktur, in der er stattfindet“, sagt Krolo.

Intelligenz erleichtert das Lernen

Für den Psychologen steht daher fest, dass sich klügere Menschen auch dort tiefes Spezialwissen aneignen, wo sie niemand dazu drängt und wo es sich nicht auszahlt. „Das spricht dafür, dass Intelligenz tatsächlich das Lernen selbst erleichtert — und nicht bloß vorhersagt, wer in fördernde Umgebungen gerät. Allgemeinwissen wird meist als breit, aber flach gedacht. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Intelligenz auch vorhersagt, wer in einem einzelnen Gebiet in die Tiefe geht – ganz ohne Prüfungsdruck“, fasst Maximilian Krolo die Ergebnisse zusammen. Wo sich höhere Intelligenz als besonders vorteilhaft erweise, sei eine Umgebung, die Struktur, Wiederholung und Rückmeldung bietet. Dies dürfte sich auch auf Bildungs- und Weiterbildungskontexte übertragen lassen.

Was die Ergebnisse für die Weinwelt bedeuten

„In kaum einem anderen Gebiet wird Erfahrung so sehr verklärt wie beim Wein: Man müsse eben viel probieren, dann komme die Kennerschaft von allein. Unsere Daten sprechen dagegen. Wer bevorzugt Wein trinkt, weiß tatsächlich mehr — aber das bloße Trinken verändert nicht, wie viel jemand aus dieser Erfahrung herausholt“, stellt der Saarbrücker Wissenschaftler fest. Was den Unterschied ausmacht, ist die Struktur. Im Beruf begegnet man denselben Weinen wiederholt, muss sie einordnen, bekommt Widerspruch und Korrektur und lernt in einem geordneten Rahmen. Genau dort zahlt sich Intelligenz zusätzlich aus. 

„Für alle, die Wein vermitteln — Handel, Gastronomie, Weingüter, Weinschulen — steckt darin eine praktische Botschaft: Verkostungen wirken nachhaltiger, wenn sie systematisch aufgebaut sind, statt nur viele Flaschen aneinanderzureihen“, sagt Krolo. Er sieht mit seiner Studie auch ein gängiges Klischee in Frage gestellt: Weinwissen gelte oft als Frage von Herkunft, Geschmack und Zugang — als etwas, das man mitbringt oder eben nicht. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich um erlernbares, strukturiertes Wissen handelt, das sich wie jedes andere Fachgebiet erschließen lässt. Es ist also weniger elitär, als viele vermuten“, meint der Psychologe, der selbst Wein sammelt und schon mehrfach in Frankreich und Deutschland bei der Weinlese geholfen hat. Dort stieß er auf Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, die sich ein detailliertes Weinwissen angeeignet hatten, ohne dass es ihnen jemand abverlangt hätte. Dies brachte ihn auf die Idee, dieses Themenfeld für die Intelligenzforschung zu nutzen.

Originalpublikation:

Maximilian Krolo (Erstautor, Universität des Saarlandes), Timothy C. Bates (University of Edinburgh): Bright People Know More About Wine, in: Intelligence & Cognitive Abilities
https://doi.org/10.65550/001c.165719

Fragen beantwortet:

Maximilian Krolo, M.Sc.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Lehrstuhl für Diagnostik, Beratung, Intervention
Tel: 0681 302-3534
Mail: maximilian.krolo(at)uni-saarland.de