07 September 2026

Vorsorgeuntersuchung soll vor Gebärmutterhalskrebs schützen: Virologie leistete wichtige Vorarbeit

Portrait von Sigrun Smola© privat
Prof. Dr. Sigrun Smola

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat vor kurzem eine neue Früherkennungsuntersuchung für Kinder im Alter von 9 und 10 Jahren beschlossen, die U10. Für die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) ist das ein Wendepunkt: Erstmals gibt es einen regulären Vorsorgetermin für alle gesetzlich versicherten Kinder genau in dem Alter, in dem die HPV-Impfung empfohlen wird. Eine wesentliche wissenschaftliche Grundlage dafür lieferte schon vor Jahren das Projekt „PRÄZIS“.

Das Projekt „PRÄZIS“ wurde von Professorin Sigrun Smola am Institut für Virologie der Universität des Saarlandes koordiniert. Das Saarland diente als Modellregion für die Studie.

Deutschland hinkt beim Schutz vor Gebärmutterhalskrebs seit Jahren hinterher. Es erkranken jedes Jahr noch rund 4.300 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, etwa 1.400 sterben daran (Zentrum für Krebsregisterdaten, Stand 2023). Eine Maßnahme, die daran etwas ändern kann, ist die HPV-Impfung: Nach der jüngsten Auswertung des Robert Koch-Instituts waren 2024 nur 55 Prozent der 15-jährigen Mädchen und 36 Prozent der gleichaltrigen Jungen vollständig geimpft. Die Weltgesundheitsorganisation strebt für die Elimination des Zervixkarzinoms 90 Prozent an. 

Dass dieses Ziel erreichbar ist, belegen große Registerstudien aus Ländern mit gut implementierten Impfprogrammen. Daten aus Schweden, Dänemark und England zeigen, dass durch die HPV-Impfung ein bis zu 87 Prozent geringeres Risiko erreicht werden kann, an invasivem Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. „Diese Studien spiegeln ein übereinstimmendes Muster wider: Entscheidend ist nicht nur, dass geimpft wird, sondern auch, dass möglichst früh geimpft wird. Australien, das früh auf ein schulbasiertes Programm mit hohen Impfquoten setzte, hat eine hohe Chance, die Erkrankung als erstes Land zu eliminieren“, erklärt Sigrun Smola, Virologie-Professorin der Universität des Saarlandes.

„PRÄZIS“: Die saarländische Datengrundlage

Dass gerade die Vorsorgeuntersuchungen im Alter von 9 und 10 Jahren der Hebel für höhere Impfquoten sind, hatte das Projekt „PRÄZIS“ (Prävention des Zervixkarzinoms und dessen Vorstufen bei Frauen im Saarland) erstmals für Deutschland datenbasiert gezeigt. Das Saarland diente als Modellregion. „Der zentrale Befund dieser Studie war, dass es einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Teilnahme an der Vorsorgeuntersuchung der 9- bis 10-Jährigen und der HPV-Impfung in diesem Alter gibt“, erklärt Dr. Anna Sternjakob, die am Institut für Virologie die Studie durchgeführt hat. Das Konsortium empfahl daher, die Vorsorgeuntersuchung der 9- bis 10-Jährigen mit integrierter HPV-Impfung für Mädchen und Jungen verbindlich zu finanzieren und mit einem organisierten Einladungswesen zu versehen, wie das für Vorsorgeuntersuchungen jüngerer Kinder üblich ist.

Der Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) beschloss daraufhin im September 2021, diese Erkenntnisse an die Gesundheitsministerkonferenz der Länder und auch an den Unterausschuss Methodenbewertung des G-BA weiterzuleiten, mit der Bitte, sie bei der Weiterentwicklung der Zervixkarzinom-Prävention zu berücksichtigen. Nun endlich im August 2026 hat der Gemeinsame Bundesausschuss die „neue U10“ beschlossen. Sigrun Smola und ihr Team sehen sich in ihrer wissenschaftlichen Vorarbeit bestätigt: „Unsere Daten haben gezeigt, dass die Vorsorgeuntersuchung im Alter von neun bis zehn Jahren ein hervorragender Ansatzpunkt ist, den wir im deutschen Versorgungssystem für die HPV-Impfung haben. Dass es diesen Termin künftig für alle Kinder gibt und die HPV-Impfung dort ausdrücklich benannt wird, ist ein großer Schritt für die Krebsprävention in Deutschland."

Inwieweit die neue U10-Untersuchung tatsächlich die HPV-Impfquoten hebt, wird sich erst in einigen Jahren messen lassen: Die Kinder-Richtlinie sieht fünf Jahre nach Einführung eine Evaluation vor, mit der die Qualität und Zielerreichung überprüft werden soll. 

Kooperationspartner der wissenschaftlichen „PRÄZIS“-Studie

Das PRÄZIS-Projekt startete bereits im April 2017 und wurde aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert und von Professorin Sigrun Smola an der Universität des Saarlandes koordiniert. Ihr Team um Dr. Anna Sternjakob analysierte pseudonymisierte Routinedaten der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland, der IKK Südwest und der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland, die in einer gemeinsamen Studiendatenbank verknüpft wurden. An der Studie beteiligt waren außerdem Stefan Wagenpfeil, Professor für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Medizinische Informatik, Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie von der Universität des Saarlandes sowie Thomas Lamberty und Bernd Holleczek, saarländisches Gesundheitsministerium.

Die neue Vorsorgeuntersuchung U10 und die HPV-Impfung

Die nun vom Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossene U10 richtet sich an Kinder zwischen 9 und 10 Jahren. Dies ist genau das Alter, in dem die Ständige Impfkommission die HPV-Impfung für Mädchen, und seit 2018 auch für Jungen empfiehlt. Denn humane Papillomviren verursachen nicht nur Gebärmutterhalskrebs: Sie können auch Karzinome an Vulva, Vagina, Penis und Anus auslösen sowie einen wachsenden Anteil der Mundhöhlen-Rachenkarzinome, die Männer häufiger treffen als Frauen. In diesem Altersfenster genügen zwei statt drei Impfdosen. Ein regulärer Vorsorgetermin für alle Kinder fehlte dafür bislang. Eine Vorsorgeuntersuchung für die 9- bis 10-Jährigen gab es zwar bereits, doch sie wurde bislang nicht von allen Krankenkassen finanziert. Mit der neuen U10 wird dieser Termin nun für alle gesetzlich versicherten Kinder zur Regelleistung. Zusätzlich wird die J1 künftig im Gelben Heft dokumentiert und soll ebenfalls die Aufmerksamkeit für die HPV-Impfung erhöhen.

Weitere Informationen:

Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschuss zur Vorsorgeuntersuchung U10:

https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1350/

Originalpublikation von 2022:

Sternjakob-Marthaler A, Berkó-Göttel B, Rissland J, Schöpe J, Taurian E, Müller H, Weber G, Lohse S, Lamberty T, Holleczek B, Stoffel H, Hauptmann G, Giesen M, Firk C, Schanzenbach A, Brandt F, Hohmann H, Werthner Q, Selzer D, Lehr T, Wagenpfeil S, Smola S.: Human papillomavirus vaccination of girls in the German model region Saarland: Insurance data-based analysis and identification of starting points for improving vaccination rates. PLoS One. 2022;17(9): e0273332. DOI: 10.1371/journal.pone.0273332pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36054196/

Beschluss des Innovationsausschusses (G-BA) zum Projekt „PRÄZIS“ von 2021: https://innovationsfonds.g-ba.de/downloads/beschluss-dokumente/99/2021-09-23_PRAEZIS.pdf

Fragen beantwortet:

Prof. Dr. Sigrun Smola
Institut für Virologie, Universität des Saarlandes
Tel.: 06841 16-23931
E-Mail: sigrun.smola(at)uks.eu