Initiiert vom Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation (CURE) an der Universität des Saarlandes und dem Goethe-Institut Nancy, verbindet das Projekt wissenschaftliche Forschung, künstlerische Praxis und zivilgesellschaftliche Perspektiven.
Am 4. Juli 2026 ab 11:00 Uhr geht ein Forum für Bürgerinnen und Bürger in der Großregion der Frage nach, ob die Saar als Rechtssubjekt denkbar ist, und was das bedeuten würde. Zur Veranstaltung sind alle Interessierten herzlich eingeladen (am Kulturgut Ost, An d. Römerbrücke 5, 66121 Saarbrücken).
In den meisten Rechtssystemen gilt die Natur als Objekt menschlicher Verfügung: als Ressource, die genutzt, geschützt oder verwaltet werden kann, aber nicht selbst rechtlich handelt. Weltweit diskutieren soziale Bewegungen, Gerichte und Gesetzgeber zunehmend, ob natürliche Wesen als Rechtspersonen auftreten können. Im Projekt „Rivers Beyond Borders – Die Saar als Arbeiterin“ wird die Frage nach Rechten von Flüssen nicht nur als juristisches Problem verstanden, sondern als kulturelle und gesellschaftliche Herausforderung. Kuratiert wird das Projekt vom Schriftsteller und Künstler Camille de Toledo, der international für seine Arbeiten zu politischer Ökologie und neuen Formen rechtlicher Repräsentation von Natur bekannt ist. Mit Initiativen wie dem „Parlament der Loire“ und der „Internationale der Flüsse“ untersucht de Toledo seit Jahren, wie natürliche Lebensräume rechtlich als Akteure gedacht werden können.
Die Saar als Rechtsperson?
Über Jahrhunderte hat die Saar Schiffe getragen, Industrieanlagen mit Wasser versorgt, Landschaften geprägt und wirtschaftliche Entwicklung über nationale Grenzen hinweg ermöglicht. Doch was verändert sich, wenn ein Fluss nicht länger ausschließlich als Objekt gedacht wird, sondern als Subjekt, wenn auch als ein vielgestaltiges: als Teil eines komplexen Gefüges aus ökologischen Prozessen, historischen Erfahrungen, sozialen Beziehungen und politischen Entscheidungen?
Diese Fragen stehen im Zentrum des öffentlichen Forums am 4. Juli im Kulturgut Ost. Ab 11 Uhr eröffnen die Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Saarbrücken Barbara Meyer und Universitätspräsident Professor Ludger Santen das Fest. Die Veranstaltung wird Impulsvorträge – unter anderem von Camille de Toledo –, Podiumsdiskussionen, Workshops und Ausstellungsformate in einem offenen, partizipativen Experiment zusammenführen.
„Wie wir Ökosysteme schützen und unser Verhältnis zur Natur neu denken, gehört zu den drängendsten Fragen unserer Zeit. Gleichzeitig werden ökologische Anliegen angesichts vielfältiger Krisen zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt. Die Initiative setzt hier an und lädt dazu ein, neue Perspektiven zu entwickeln: Wie könnte sich unser Verhältnis zur Natur verändern? Wie ließen sich Gewässersysteme besser schützen, wenn wir Flüsse für sich selbst ‚sprechen‘ lassen und ihnen den Status von Rechtssubjekten verleihen? Indem wir diese Fragen gemeinsam mit vielen Akteurinnen und Akteuren aufgreifen, möchten wir die Zivilgesellschaft stärken und der politischen Ökologie neue Impulse verleihen.“ (Organisatorinnen und Organisatoren des Projektes: Sima Reinisch, Direktorin Goethe-Institut Nancy & Markus Messling, Direktor Käte Hamburger Kolleg CURE).
Die Veranstaltung verbindet Wissenschaft, Kunst, Umweltpolitik und Zivilgesellschaft zu einem grenzüberschreitenden Fest. In interaktiven Workshops zeigen die Kunsthistorikerin Yi-Ting Wang (CURE/UdS), die Designerin Isabelle Charpentier (CNRS), der Ökologe Guido Geisen (NABU Saarland), der Schauspieler Laurent Barthel (Weltveränderer e. V.) und Sound Artist und Designer Régis Lemberthe unterschiedliche Zugänge zur Saar – von Computerspielen über Umweltbeobachtungen und Wasseranalysen bis hin zu spekulativen Zukunftsszenarien, in denen die Saar als politische Akteurin mit eigenen Rechten gedacht wird. In den anschließenden Podiumsdiskussionen diskutieren Camille de Toledo, die Umweltrechtsexpertin Helen Arling, die Juristin und Greenpeace-Sprecherin für sozial-ökologische Gerechtigkeit Baro Gabbert, die NABU-Landesvorsitzende Corinna Heyer sowie Ralf Beil, Generaldirektor des UNESCO-Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Im Mittelpunkt stehen die Folgen einer solchen rechtlichen Neubewertung für Umweltpolitik, Gesellschaft und das Verhältnis von Mensch und Natur.
Unterstützt wird das Projekt von 16 Partnern aus Deutschland, Frankreich und Luxemburg, darunter das UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte, das Haute école des arts du Rhin und das Musée national d’histoire naturelle Luxembourg. Das Programm lädt dazu ein, den Fluss neu wahrzunehmen: nicht nur als Landschaft oder Infrastruktur, sondern als historisch gewachsenes, verletzliches und zugleich handlungsfähiges Gefüge, das Menschen, Tiere, Pflanzen, Technik und politische Institutionen miteinander verbindet.
Das Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation (CURE) an der Universität des Saarlandes ist ein vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördertes kultur- und sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie Menschen und Gesellschaften mit Verwundungen und irreparablen Schäden umgehen. Vor dem Hintergrund von Kriegen, Genoziden, der Zerstörung von Kulturgütern und Sprachen sowie globalen Herausforderungen wie Erderhitzung und Artensterben untersuchen internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler kreative Formen gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit Verlust, historischer Schuld und globaler Verantwortung. Kulturelle Praktiken, etwa in Form von Erzählungen, Musik, Theater und Ausstellungen, stehen im Mittelpunkt der Forschungen, da sie individuelle und kollektive Erfahrungen zur Sprache bringen und widerstreitende Perspektiven zusammenführen können. Ziel der gemeinsamen Forschungsarbeit ist es, ein umfassendes gesellschaftspolitisches Verständnis von individuellen und kollektiven Reparationsfragen in einer globalisierten Welt zu entwickeln.
Camille de Toledo ist Schriftsteller, Künstler und Kurator. Promotion in Komparatistik an der Université Paris Cité. Er lehrt Narrative Künste an der École nationale supérieure des arts visuels – La Cambre in Brüssel und wurde 2022 zum Dozenten für Ökopoetik an der Universität Aix-Marseille ernannt. 2008 gründete er die European Authors’ Societies (GESAC), um die „Übersetzung als Sprache“ zu fördern. Er schrieb zudem für die Oper „La Chute de Fukuyama“ (2013) und das Theaterstück „Sur une île“ (2016, dt. Fassung „Auf der Insel“ beim Saarbrücker Primeurs-Festival 2017 aufgeführt) über das Attentat von Utøya sowie das Diptychon PRLMNT über den Zusammenbruch der Europäischen Union und deren politische Neugestaltung durch artenübergreifende Institutionen, durch welche natürliche Entitäten und Ökosysteme als Rechtssubjekte anerkannt werden. Sein Roman „Thésée, sa vie nouvelle“ (Verdier, 2020) war auf der Shortlist des Prix Goncourt und erhielt 2021 den Franz-Hessel-Preis. „Le fleuve qui voulait écrire » (Les liens qui libèrent/Manuella Éditions/Flammarion, 2021/2024) war Finalist des Umweltbuchpreises der Zeitung Le Nouvel Observateur. Das Buch dokumentiert und artikuliert das Projekt des Parlaments der Loire, das nun mit „der Internationale des rivières“ (Verdier, 2026) weitergeführt wird und de Toledos langjähriges Engagement für die Anerkennung europäischer Flüsse als Rechtssubjekte zum Ausdruck bringt. 2028 wird er die Europäische Kulturhauptstadt Bourges kuratieren.
Hintergrund:
Im Jahr 2017 erkannte Neuseeland mit dem Whanganui River erstmals einen Fluss als Rechtssubjekt an. Seitdem wurde in verschiedenen Weltregionen der rechtliche Status von Flüssen tiefgreifend verändert. In Amerika, Asien und Europa wurden Flüsse, Wälder oder Ökosysteme ausdrücklich als Rechtssubjekte anerkannt. Trotz erheblicher Unterschiede in Reichweite, Begründung und Durchsetzbarkeit weisen die Ansätze auf eine gemeinsame Entwicklung hin: eine Erweiterung des Rechtsbegriffs über klassische Eigentums- und Schutzregime hinaus.
Veranstaltung:
Rivers Beyond Borders – Die Saar als Arbeiterin
4. Juli 2026, ab 11:00 Uhr
Kulturgut Ost, An d. Römerbrücke 5, 66121 Saarbrücken
https://cure.uni-saarland.de/veranstaltungen/die-saar-als-arbeiterin-la-sarre-ouvriere/
Presse- und Interviewanfragen:
Anna Warum (Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit)
Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken (CURE)
Tel.: +49 (0)681 302-3372
anna.warum(at)khk.uni-saarland.de