21 May 2026 – 23 May 2026

Konferenz beleuchtet Europas Mythen und Identitäten

Portraitfoto© Thorsten Mohr
Die Professorin für Geschichte des Mittelalters Cristina Andenna (links) und der Professor für Alte Geschichte Heinrich Schlange-Schöningen (rechts) veranstalten die Konferenz zu Europas Mythen und Identitäten gemeinsam mit dem Privatdozenten Timo Klär.

Welche Wirkungen haben antike und mittelalterliche Erzählungen und Legenden im Europa der Neuzeit – und bis in die Gegenwart? Eine Konferenz an der Universität des Saarlandes geht dieser Frage vom 21. bis 23. Mai auf den Grund. 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Bulgarien, Griechenland, Polen, Tschechien, Österreich und Deutschland beleuchten Mythen und Identitäten in der europäischen Geschichte aus fachübergreifender Perspektive.

Die Historiker Cristina Andenna, Heinrich Schlange-Schöningen und Timo Klär veranstalten die von DFG und DAAD geförderte Konferenz im Rahmen eines Projektschwerpunktes in Forschung, Lehre und internationaler Zusammenarbeit. 
Interessierte sind herzlich willkommen. 

Zeus, der in Stiergestalt die Prinzessin Europa entführt, das Nibelungen-Epos um Siegfrieds Ermordung und Kriemhilds Rache, Kaiser Barbarossa, der im Kyffhäuser-Gebirge schläft – Erzählungen über Götter und Heldinnen und Helden der Vergangenheit werden über Jahrhunderte und Jahrtausende weitergegeben. Sie sind alles andere als wahre Geschichten. Aber sie prägen dennoch die Gesellschaften Europas tief. „Mythen aus früheren Epochen haben lebendige Wirkungen bis ins neuzeitliche Europa, sogar bis in die Gegenwart – und zwar unabhängig von der Frage, ob sie einen belastbaren, wahren historischen Kern besitzen“, betont Professor Heinrich Schlange-Schöningen von der Universität des Saarlandes. „Mythen sind keine abgeschlossenen Erzählungen aus vorwissenschaftlicher Zeit, die inzwischen durch vernunftbasiertes Denken ersetzt worden wären. Alte Mythen wirken weiter und bis heute entstehen immer wieder neue Mythen“, erklärt der Historiker.

Gemeinsam mit der Professorin für Geschichte des Mittelalters Cristina Andenna und dem Privatdozenten Timo Klär veranstaltet der Professor für Alte Geschichte die Konferenz über europäische Mythen und Identitäten. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum und wie diese alten Erzählungen bis heute wirken und wie sie Bilder von Herkunft, Gemeinschaft oder Macht prägen. „Wir werden der Frage nachgehen, inwieweit Mythen zur Identitätsbildung in den werdenden Nationalstaaten Europas beigetragen haben: Wie haben sich die Nationalkulturen im Laufe der Epochen durch den Bezug auf antike und mittelalterliche Mythen positioniert und legitimiert? Welche Deutungen und Umdeutungen haben die Mythen dabei erfahren?“, erläutert Cristina Andenna. 

Ein Fokus liegt auf Osteuropa. Expertinnen und Experten aus osteuropäischen Ländern werden die Perspektive ihrer Kultur einbringen. Die Fachleute beleuchten aber auch westeuropäische Mythen wie die Gründungsmythen der Städte Trier und Metz. „Dabei geht es uns um eine vergleichende Perspektive nicht nur über Ländergrenzen, sondern auch über Fachgrenzen hinweg, etwa zur Philologie und Kunstgeschichte. Der Inszenierung von Mythen widmen wir aufgrund der Vielfalt an Forschungs- und Anschauungsmaterial eine eigene Sektion, in der es um Kunst- und Bauwerke im öffentlichen Raum geht. Wir berücksichtigen aber auch Literatur, Medien wie Film oder Comics als potenzielle Untersuchungsobjekte“, sagt die Historikerin.

Grenz- und fachübergreifender Austausch auch für Studierende und Doktoranden

Mythen vereinfachen komplizierte Zusammenhänge, überliefern diese geschickt verpackt in spannenden Geschichten mit anschaulichen Bildern und stiften oftmals auch soziale oder politische Identitäten. Zugleich idealisieren und verklären sie Vergangenes, trüben so den Blick – und werden für politische Zwecke instrumentalisiert: ein überaus weites Feld, das sich hervorragend als Forschungsschwerpunkt und zur internationalen Kooperation eignet – gerade auch für junge Forscherinnen und Forscher. Seit drei Jahren bringen Schlange-Schöningen und Andenna Studierende und Doktoranden mit Expertinnen und Experten verschiedener Länder zusammen. In Seminaren und auf Exkursionen gehen sie dem Zusammenhang von Mythen und Identitäten auf den Grund wie im vergangenen Jahr bei einer Spurensuche durch Deutschland oder vor zwei Jahren in Bulgarien. 

„Antike und mittelalterliche Mythen waren und sind ein zentraler Bezugspunkt für den gesellschaftlichen und politischen Diskurs in europäischen Ländern. Wir haben damit ein sehr ergiebiges und vielschichtiges Thema für den grenz- und fachübergreifenden Austausch“, sagt Schlange-Schöningen. Die Themenfülle führe in jedem Jahr zu einem neuen Twist. Im Juli etwa wird es eine Summerschool mit Prag samt Exkursion nach Tschechien geben. „Gerade der Austausch zwischen den Kulturen eröffnet spannende Erkenntnisse“, sagt Cristina Andenna. 

Ein Blick ins Programm der Konferenz

Zum Auftakt geht es um den Mythos von der Königstochter Europa, wie er seit der Antike immer neu erzählt wird, und wie sich darin wechselnde Selbstbilder des Kontinents spiegeln. Unter der Überschrift „Mythos, Religion und Identität“ beleuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der ersten Sektion der Tagung das Zusammenspiel von Überlieferung, Glauben und Zugehörigkeit. Beiträge behandeln etwa das Thema der Wüste in Heiligenerzählungen und fragen nach der – königlichen? – Abstammung frühmittelalterlicher Äbtissinnen und Klostergründer. Ein Vortrag wirft einen Blick auf die Katharer, eine christliche Glaubensgruppe im mittelalterlichen Frankreich, von der sich das Wort „Ketzer“ ableitet. Christliche, antike und germanische Verständnis- und Deutungskonzepte im Mittelalter werden ebenso thematisiert wie Feindbilder, die seit der Antike ganze Völker prägen.

Wie Mythos und Politik zusammenhängen zeigen unter anderem Vorträge über den britischen Widerstand gegen Rom, den Mythos von Romulus und das Problem des Asyls in Europa, das Nibelungenlied oder auch „Iphigenie auf der Theaterbühne des NS-Staates“. Der Schwerpunkt Mythos, Dichtung und Kunst zeigt, wie Mythen in Dichtung, Kunst und Denkmälern weiterleben. Vorträge thematisieren moderne griechische Statuen, die Mythen von Hero und Leander, aber auch des Phoenix als Transformationsfigur in der europäischen Moderne. Die Reinterpretation antiker Mythen in Kunstwerken und Architektur wie in Parlaments- und Landtagsgebäuden in Mitteleuropa sind ebenso Thema wie mythenreiche Siegesdichtung und ihre Rezeption.

Internationale Tagung vom 21. (ab 9 Uhr) bis 23. Mai 2026, Konferenzraum 1.17 im Gebäude C7 4, Campus Saarbrücken.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Aus organisatorischen Gründen wird um Anmeldung gebeten per E-Mail an: maximilian.bacher(at)uni-saarland.de

Die zweisprachige Konferenz (Deutsch und Englisch) wird gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Programm „Ostpartnerschaften“ sowie an der Universität des Saarlandes von der Philosophischen Fakultät im Rahmen ihres Strategiefonds und vom Cluster für Europaforschung CEUS.

Programm der Tagung
https://www.uni-saarland.de/lehrstuhl/andenna/aktuelles/mythen-und-identitaeten-in-der-europaeischen-geschichte.html

Fragen beantworten:

Prof. Dr. Heinrich Schlange-Schöningen, Universität des Saarlandes, Professur für Alte Geschichte 
Tel.: 0681/302-2220, E-Mail: schlange-schoeningen(at)mx.uni-saarland.de

Prof. Dr. Cristina Andenna, Universität des Saarlandes, Professur für Geschichte des Mittelalters 
Tel.: 0681/302-3312, E-Mail: cristina.andenna(at)uni-saarland.de

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